Shibuya-Kreuzung in Tokio
Shibuya-Kreuzung in Tokio – Foto: David Kernan · CC BY 4.0

Kulturschock beim Auswandern: die Phasen, die es so nicht gibt

Erst Flitterwochen, dann der Absturz, dann langsam bergauf – so wird der Kulturschock fast überall erklärt. Wer Menschen beim Ankommen tatsächlich begleitet hat, fand etwas anderes. Und das ist eher eine gute Nachricht.

Irgendwann in den ersten Wochen kennen es die meisten: Im Supermarkt findest du nichts, am Telefon verstehst du die Hälfte, und der Nachbar grüßt nicht zurück – oder viel zu herzlich. Dinge, die zu Hause ohne Nachdenken laufen, kosten plötzlich Kraft. Dafür gibt es seit den 1950er-Jahren ein Wort: Kulturschock.

Mit dem Wort kam ein Fahrplan, der bis heute in jedem Ratgeber steht. Er sagt dir, wann es dir schlecht gehen wird und wann es besser wird. Das Problem: Als Forscher ihn später überprüft haben, passte er nur auf sehr wenige.

Das bekannte Modell

Woher die Phasen kommen

Das Bild mit den Phasen geht auf die 1950er-Jahre zurück, bekannt wurde es durch den Anthropologen Kalervo Oberg. Er beschrieb den Kulturschock 1960 fast wie eine Krankheit: erst Begeisterung, dann Krise, dann Erholung und Anpassung. Als Kurve gezeichnet sieht das aus wie ein U.

Beobachtet hatte Oberg das, gemessen nicht. Das holten andere nach. Ward und Kollegen begleiteten 1998 japanische Studierende in Neuseeland: Soziale Schwierigkeiten und Niedergeschlagenheit waren 24 Stunden nach der Ankunft am größten, nach vier Monaten deutlich geringer und danach ungefähr gleich. Keine Flitterwochen, sondern der schwerste Moment ganz am Anfang.

Die bisher größte Verlaufsstudie

Wie es bei rund 2.500 Menschen wirklich verlief

Die Psychologen Kali Demes und Nicolas Geeraert haben rund 2.500 Austauschschüler in über 50 Ländern vor der Abreise und während des Aufenthalts mehrfach befragt. Bei den 2.015 Ausgewerteten fanden sie fünf Verläufe:

Leicht entlastet47,2 %

Etwas weniger Stress als vor der Abreise, und das blieb so.

Leicht belastet40,6 %

Etwas mehr Stress als vorher, aber gleichmäßig über die ganze Zeit.

Umgekehrtes U4,9 %

Erst steigt der Stress, später fällt er wieder – das klassische Kulturschock-Bild.

Deutlich entlastet4,1 %

Der Stress sinkt nach der Ankunft deutlich und bleibt niedrig.

Harter Start3,2 %

Der Stress ist gleich nach der Ankunft am höchsten und lässt dann nach.

Demes & Geeraert (2015), Journal of Personality and Social Psychology. Gemessen wurde die Veränderung gegenüber dem Stress vor der Abreise.

0

Gruppen mit einer Flitterwochen-Phase am Anfang fanden die Forscher. Das klassische U kam bei 4,9 Prozent vor.

Demes & Geeraert (2015)

Für dich heißt das: Wenn es dir in den ersten Wochen schlecht geht, ist das kein Zeichen, dass das Schlimmste erst noch kommt. Und wenn es dir gut geht, wartet nicht zwangsläufig ein Absturz.

Wann es ernst wird

Der harte Start ist das eigentliche Risiko

Die kleinen Gruppen mit starkem Stress waren auch die, die am häufigsten aufgaben. Von denen mit dem harten Start brachen 17,2 Prozent den Aufenthalt vorzeitig ab, beim umgekehrten U 13,3 Prozent – bei den deutlich Entlasteten nur 1,2 Prozent.

Wer eher ängstlich und empfindsam ist, landete häufiger im harten Start, wer kontaktfreudig ist, häufiger bei den Entlasteten. Das ist kein Schicksal, aber ein Hinweis: Wer sich selbst als eher ängstlich kennt, sollte die ersten Wochen besonders gut vorbereiten.

Was die Forschung über Bewältigung sagt

Was hilft – und was eher nicht

  • Menschen vor Ort. Unterstützung von Leuten, die man im neuen Land kennengelernt hat, ging mit weniger Stress einher. Hilfe und Trost von zu Hause dagegen mit mehr. Das heißt nicht, dass Anrufe schaden – aber sie ersetzen nicht den ersten Freund am neuen Ort.
  • Probleme angehen. Wer Schwierigkeiten aktiv löst, hatte weniger Stress. Ausweichen und Verdrängen ging mit mehr einher.
  • Annehmen, was sich nicht ändern lässt. Akzeptanz hing mit weniger Stress zusammen, sich selbst die Schuld zu geben mit mehr.

Das sind Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen – und die meisten waren am Anfang des Aufenthalts am stärksten.

Wo du andere Deutsche in deinem Zielland findest, zeigt die Übersicht, wo die meisten Deutschen leben. Wenn es weniger die fremde Kultur ist als die Sehnsucht nach zu Hause, lies weiter bei Heimweh nach dem Auswandern.

Und in die andere Richtung

Wenn Deutschland fremd wird

Manche, die nach Jahren zurückkommen, erzählen von einem Kulturschock in umgekehrter Richtung: Das alte Zuhause ist nicht mehr dasselbe, und man selbst auch nicht. Für Auswanderer ist das kaum erforscht, aber es hilft zu wissen, dass es dazugehört. Was bei der Rückkehr praktisch zu tun ist, steht im Ratgeber für Rückwanderer.

Was oft gesucht wird

Häufige Fragen

Was ist ein Kulturschock?

Der Begriff beschreibt die Belastung, die entsteht, wenn man in einem fremden Land die gewohnten Regeln und Zeichen des Alltags nicht mehr lesen kann. Bekannt gemacht hat ihn der Anthropologe Kalervo Oberg 1960. Er beschrieb ihn fast wie eine Krankheit mit festen Phasen – gemessen hat er das nicht.

Welche Phasen hat ein Kulturschock?

Das bekannte Modell nennt Euphorie, Krise, Erholung und Anpassung (U-Kurve). In einer großen Studie mit rund 2.500 Austauschschülern in über 50 Ländern verlief es aber nur bei 4,9 Prozent so. Eine Euphorie-Phase am Anfang fanden die Forscher bei keiner Gruppe. Bei fast 9 von 10 blieb der Stress über die ganze Zeit ungefähr gleich.

Wie lange dauert ein Kulturschock?

Eine feste Dauer gibt es nicht. Wer stark betroffen ist, hat es meist direkt nach der Ankunft am schwersten: In einer Studie mit japanischen Studierenden in Neuseeland waren soziale Schwierigkeiten und Niedergeschlagenheit 24 Stunden nach der Ankunft am größten und nach vier Monaten deutlich geringer.

Was hilft gegen Kulturschock?

In der Studie mit Austauschschülern ging Unterstützung von Menschen, die man im neuen Land kennengelernt hat, mit weniger Stress einher – Unterstützung aus der Heimat dagegen mit mehr. Auch wer Probleme aktiv angeht und Dinge annimmt, die sich nicht ändern lassen, hatte weniger Stress; wer sich selbst die Schuld gibt oder ausweicht, mehr.

Gibt es einen umgekehrten Kulturschock bei der Rückkehr?

Manche Rückkehrer beschreiben, dass ihnen Deutschland nach Jahren im Ausland fremd vorkommt. Gut erforscht ist das für Auswanderer kaum. Was bei der Rückkehr praktisch zu erledigen ist, steht im Ratgeber für Rückwanderer.

Wo das Ankommen leichter fällt

Finde ein Land, das zu dir passt

Sprache, Budget, Nähe zu Deutschland: Der Kompass zeigt dir, welche Länder zu deinem Leben passen.

Zum Länderkompass