
Nach dem Umzug
Heimweh nach dem Auswandern: warum es früher kommt, als du denkst
Heimweh ist kein Zeichen dafür, dass die Entscheidung falsch war. Es gehört für fast alle dazu – nur kommt es selten so, wie die Ratgeber es beschreiben. Was Auswanderer tatsächlich vermissen, was die Forschung über den Verlauf weiß und was du tun kannst, wenn es zu viel wird.
Aus unseren Interviews
Was Auswanderer wirklich vermissen
Wir haben Auswanderer gefragt, was ihnen aus Deutschland fehlt. Die Antworten sind erstaunlich konkret – und fast nie das, was man vorher erwartet hätte.
Ich hätte nie gedacht, dass ich deutsches Brot so sehr vermissen werde.
Tawan, Thailand
Weihnachten im Sommer ist eine Riesenparty, aber es ist halt nicht wirklich Weihnachten.
Miri, Neuseeland
Du setzt dich einfach irgendwie in die S-Bahn, fährst los, und irgendwo ist schon jemand unterwegs, und du kannst was erleben.
Jan, Zypern, über Berlin
Brot, Weihnachten im Winter, die Spontanität einer Großstadt, für Tawan der Rhein, an dem er aufgewachsen ist. Heimweh hängt selten an „Deutschland“ im Großen. Es hängt an Gewohnheiten, Orten und Menschen – und genau das macht es greifbar.
Was die Forschung zeigt
Die Honeymoon-Phase ist für die meisten ein Mythos
Fast jeder Ratgeber erzählt dieselbe Kurve: erst Euphorie, dann der Absturz, dann langsam Anpassung. Sie geht auf Beobachtungen aus den 1950er-Jahren zurück, bekannt wurde sie durch den Anthropologen Kalervo Oberg 1960. Gemessen hat er sie nicht.
Als Forscher die Kurve später an denselben Menschen über Monate nachverfolgten, fanden sie etwas anderes: Die Probleme waren direkt nach der Ankunft am größten und wurden dann weniger. Eine Honeymoon-Phase am Anfang gab es nicht.
4,9 %
zeigten in der bisher größten Verlaufsstudie den typischen U-Verlauf. Die Gruppe mit sorgloser Anfangsphase fanden die Forscher gar nicht.
Demes & Geeraert (2015), Journal of Personality and Social Psychology, 2.480 Austauschschüler in über 50 Ländern
Manche erleben es trotzdem genau so. Miri, die seit fast 18 Jahren in Neuseeland lebt, beschreibt es rückblickend:
Erst ist alles aufregend und neu, dann ist die Honeymoon-Phase vorbei, der Alltag kommt, und du hast einen Akzent.
Die wichtigste Botschaft ist deshalb eine entlastende: Wenn es dir in den ersten Wochen schlecht geht, bist du nicht „zu früh im Tief“. Du bist im Normalfall.
Kurz nach dem Umzug am stärksten
Wie lange Heimweh dauert
Die Psychologie beschreibt Heimweh als eine Art kleine Trauer: Sehnsucht nach Zuhause und vertrauten Menschen, oft verbunden mit Schwierigkeiten, am neuen Ort anzukommen. Eine Diagnose ist es nicht.
- Bei den meisten ist es kurz nach dem Umzug am stärksten und lässt dann nach. In einer Studie lag es nach 16 Monaten wieder auf dem Stand vor der Abreise.
- Feiertage können es zurückbringen – Miris Weihnachten im Sommer ist dafür das beste Beispiel.
- Anfälliger sind laut Forschung eher ängstliche Menschen, Menschen mit wenig Trennungserfahrung und alle, die bei der Entscheidung zum Umzug wenig mitzureden hatten – etwa mitziehende Partner.
Eine ehrliche Einschränkung: Fast alle Studien zu Heimweh stammen von Studierenden, Kindern im Ferienlager und Soldaten, also von befristeten Aufenthalten. Wie es bei dauerhaft Ausgewanderten verläuft, ist deutlich schlechter erforscht.
Ehrlich: die Befunde sind gemischt
Was gegen Heimweh hilft
Ein Patentrezept gibt es nicht, und wer eines verspricht, übertreibt. Am besten belegt ist:
- Sich vor Ort jemandem anvertrauen. Unterstützung zu suchen, statt es auszusitzen, half in mehreren Studien.
- Probleme aktiv angehen. Wer konkret an dem arbeitet, was fehlt – Kontakte, Sprache, Routine –, kommt besser durch als jemand, der nur abwartet.
- Anrufe nach Hause als Trost, nicht als Heilmittel. Sie senkten das Heimweh in einer Studie nicht, halfen aber, wenn es stark war.
Neue Freunde ersetzen die alten übrigens nicht – auch das zeigte eine Studie. Sie machen das Leben am neuen Ort besser, das Vermissen der Zurückgelassenen bleibt. Wie man vor Ort Anschluss findet, erzählen Auswanderer in ihren Geschichten.
Jan aus Zypern hat für sich einen anderen Blick gefunden:
Für mich ist es nicht dieses Zurückgucken, was ich aus meiner Vergangenheit vermisse, sondern eher: Was möchte ich in Zukunft erleben?
Und wenn es nicht besser wird? Zurückzugehen ist keine Niederlage. Die größte deutsche Studie zu Rückwanderern fand: Für rund 4 von 10 Rückkehrern waren familiäre Gründe wichtig – meist zusammen mit anderen. Was bei der Rückkehr nach Deutschland zu tun ist
Wenn aus Heimweh mehr wird
Wo du Hilfe findest
Heimweh kann in Niedergeschlagenheit übergehen, die nicht mehr von allein weggeht. Dann ist es Zeit, mit jemandem zu reden.
- TelefonSeelsorge per Chat und Mail: auf Deutsch, anonym und kostenlos über online.telefonseelsorge.de. Auf Mails kommt die Antwort in der Regel innerhalb von 72 Stunden.
- Telefon aus dem Ausland: Ob die deutschen Nummern der TelefonSeelsorge erreichbar sind, ist laut TelefonSeelsorge von Land zu Land und Anbieter zu Anbieter verschieden – mit einer deutschen SIM-Karte klappt es im EU-Ausland am ehesten.
- Krisentelefon im neuen Land: findahelpline.com listet geprüfte Krisentelefone in über 175 Ländern.
In einer akuten Notlage wähle die Notrufnummer des Landes, in dem du gerade bist – in der ganzen EU ist das die 112.
Was oft gesucht wird
Häufige Fragen
Ist Heimweh nach dem Auswandern normal?
Ja. Die Psychologie beschreibt Heimweh als belastenden Zustand, der vor allem aus der Trennung von Zuhause und vertrauten Menschen entsteht – eine Art kleine Trauer. Es ist keine Krankheit und keine Diagnose. Am stärksten ist es meist kurz nach dem Umzug, bei den meisten lässt es mit der Zeit nach.
Wie lange dauert Heimweh?
Das ist sehr unterschiedlich. In einer Studie mit Studierenden lag das Heimweh nach 16 Monaten wieder auf dem Niveau vor dem Umzug. Um Feiertage kann es noch einmal stärker werden. Wer am Anfang sehr stark betroffen ist, bleibt es eher länger. Die Forschung dazu stammt allerdings fast nur von Studierenden und befristeten Aufenthalten, nicht von dauerhaft Ausgewanderten.
Gibt es die Honeymoon-Phase wirklich?
Für die meisten nicht. Das bekannte Modell mit anfänglicher Euphorie und späterem Tief (U-Kurve) hält Messungen schlecht stand. Eine Studie mit 35 Neuankömmlingen fand die größten Probleme direkt nach der Ankunft, eine große Studie mit 2.480 Austauschschülern fand den U-Verlauf nur bei 4,9 Prozent. Wenn es dir am Anfang schlecht geht, ist das also eher die Regel als die Ausnahme.
Hilft es, oft mit der Familie zu telefonieren?
Die Forschung ist hier nicht eindeutig. In einer Studie senkte ein Anruf zu Hause das Heimweh nicht, war aber ein Trost, wenn es stark war. Ob Videotelefonate helfen, gilt als ungeklärt. Mehr Unterstützung findet sich dafür, sich vor Ort jemandem anzuvertrauen und Probleme aktiv anzugehen.
Von denen, die es schon erlebt haben
Lies, wie andere angekommen sind
Miri, Tawan, Jan und die anderen erzählen, was ihnen gefehlt hat – und wie sie trotzdem geblieben sind oder warum sie zurückgegangen wären.
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