
Tawan lebt in Thailand – seit seinem 18. Lebensjahr dauerhaft unterwegs
Tawan ist Halbthai: seine Mutter kommt aus Bangkok, sein Vater aus Deutschland. Geboren in Thailand, aufgewachsen zwischen beiden Ländern, verbrachte er einige Jahre bei seiner Mutter in Thailand und ging in Deutschland zur Schule, am Rhein, ursprünglich aus Mainz, später lange in Köln. Mit 18 ging er raus und ist seitdem unterwegs – anderthalb Jahre Spanien, Zeiten in Budapest und Mailand, viel Volunteering in Ökodörfern. Heute arbeitet er selbstständig online und lebt in Thailand, derzeit in Pai im Norden, wo er Muay Thai trainiert. Seit einem halben Jahr lernt er die thailändische Sprache wieder, die er als Kind verloren hatte.
Wo erreichen wir dich gerade?
Ich bin in Pai, das ist im Norden von Thailand, ungefähr 3,5 bis 4 Stunden mit dem Bus oder Van von Chiang Mai entfernt. Hier trainiere ich gerade Muay Thai. In den nächsten ein bis zwei Monaten werde ich wahrscheinlich wieder in der Nähe von Chiang Mai sein.
Wie hat dein Leben unterwegs angefangen?
Ich bin seit ich 18 bin permanent am Reisen. Angefangen habe ich mit ganz viel Volunteering und Ökodörfern, also sehr viel freiwilliger Arbeit. Ich habe vier bis fünf Stunden am Tag gearbeitet, dafür wurden meine Kosten übernommen, ich hatte einen Schlafplatz und etwas zu essen und zu trinken. Und dann habe ich meistens noch drei Mal die Woche nebenbei irgendwo in der Gastro gearbeitet oder als Deutsch- beziehungsweise Englischlehrer. Nach der Schule war ich erst mal anderthalb Jahre in Spanien, danach noch mal kurz in Deutschland, wo ich es mit einer Ausbildung in biodynamischer Landwirtschaft probiert habe. Die Philosophie nach Rudolf Steiner hat mich damals sehr interessiert, und ich habe gemerkt: in einer Community finde ich das großartig, aber als Job ist es nicht mein Ding. Dann kam wieder diese Wanderlust und die Sehnsucht nach dem Fremden. Die ist bei mir sehr stark ausgeprägt, schon seit ich klein bin habe ich mich für andere Länder interessiert. Ich habe in Budapest gelebt, lange in Spanien, eine Zeit lang auch in Mailand.
Wann kam der Punkt, an dem du dir ein Einkommen aufgebaut hast, das nicht am Ort hängt?
So fünf, sechs Jahre später kam der Wunsch: Ich möchte etwas machen, das ich lokal unabhängiger machen kann und bei dem ich nicht immer von der Sprache des Landes abhängig bin. In Spanien ging das, weil ich gut genug Spanisch spreche, um in der Gastro zu arbeiten. Aber es gibt so viele Länder, die ich bereisen wollte. Die logische Folgerung war: Ich muss in irgendeiner Form ein Online-Business starten. Das war alles noch pre-AI. Ich habe dann eine private Ausbildung als Werbetexter in Kanada gemacht. Das hat mich interessiert, weil du an Kommunikation nicht vorbeikommst, egal welches Online-Business du startest. Sei es im Verkaufsgespräch, sei es auf einer Website oder in einer Werbeanzeige – du musst deine Zielgruppe treffen. Dazu gehört ein psychologisches Verständnis, vor allem für die Psychografie eines Menschen. Sonst fällst du in dieses Shiny-Object-Syndrom. Du brauchst nicht viele Voraussetzungen, um Kunden zu gewinnen. Du musst nur begreifen, wie du Menschen emotional erreichst und ob sie mit dir persönlich in Resonanz gehen können.
In Budapest hast du damals andere getroffen, die am gleichen Punkt standen. Wie lief das ab?
Vor sechs, acht Jahren war Budapest einer der Orte, wenn du mit einem Remote-Business anfangen wolltest. Es gab tausende Leute, die genau am gleichen Punkt waren wie du: Sie wollten etwas starten, aber hatten noch nicht das Kapital. Und man hat sich ausgetauscht. Du gibst mir eine Website, ich gebe dir einen Werbetext. Hey, ich mache dir ein Logo für deinen YouTube-Account oder ein Thumbnail, und du machst dafür das. Da waren sehr viele Menschen in der jüngsten Startup-Phase, die eine Passion für ein Thema hatten. Und solange die Leute ein Portfolio-Piece bekommen haben, etwas, das sie vorzeigen konnten, und eine Kundentransaktion, hat man sich gegenseitig weitergeholfen. So war es sehr schnell möglich, innerhalb von einem halben Jahr Arbeit vorweisen zu können.
Warum Thailand?
Die offensichtlichste Antwort: Ich bin Thai und wollte schon immer zurück. Aber ich hatte mit zwölf Jahren meine thailändische Staatsbürgerschaft verloren, aus familiären Gründen. Es gab da irgendeinen bürokratischen Prozess, den meine Eltern erledigen mussten, und der hat letztendlich nicht funktioniert. Das Problem war der Militärdienst in Thailand: Da wird ein Brief an die letzte lokale Adresse geschickht, und diese Adresse existierte nicht mehr. Dann kommst du auf eine rote Liste, und wenn du einfliegst und sie erwischen dich, bist du weg. Deswegen war es sinnvoll, die Staatsbürgerschaft aufzugeben. Mit 30 konnte ich sie zurückbeantragen, das habe ich vor zwei Jahren angefangen. Die Kommunikation zwischen den Behörden hat zwei Jahre gedauert. Vielleicht kann man das schneller machen, ich habe es nicht anders hinbekommen.
Du bist in Thailand geboren – hast du die Sprache als Kind mitbekommen?
Tatsächlich nein. Ich bin in Thailand geboren, war dann grob drei, vier Jahre in Deutschland, und dann gab es irgendeine Form von Stress, die ich als Kind nicht ganz verstanden habe. Ich war mit meiner Mutter für Jahre wieder in Thailand und hatte in der Zeit kaum Kontakt zu meinem Vater. Als ich zurückkam, war es ein großer Konfliktpunkt zwischen meiner Mutter und ihm, dass ich mit ihr Thai sprechen konnte und er nicht. Ich weiß nicht, ob das ein Kontrollmechanismus war oder einfach Eifersucht, aber es war sehr deutlich, dass mein Vater unglücklich wurde, wenn ich Thai gesprochen habe. Irgendwann habe ich es nicht mehr gemacht, und irgendwann habe ich es vergessen. Seit einem halben Jahr lerne ich es wieder. Ich versuche, 10 bis 15 Phrasen am Tag zu lernen, und das klappt gut genug. Für die Alltagssprache ist Thailändisch nicht so schwer. Wenn du wirklich in Geschäftssprache gehst, dauert es sehr lange, aber in einem halben Jahr hast du genug, um auch mit Locals richtig connecten zu können.
Was schätzt du im Umgang mit Menschen in Thailand, und wo siehst du die Schattenseite?
Der größte Punkt für mich ist, dass die Menschen in Thailand, egal ob Süden oder Norden, kein Interesse daran haben, ihren Struggle und ihren Schmerz auf andere Menschen zu projizieren. Man kann fast sagen, sie haben nicht die Fähigkeit dazu. Sie externalisieren das nicht bei fremden Menschen, es bleibt viel zu Hause. Das hat auch Nachteile. Es gibt sehr viel mehr häusliche Gewalt in Thailand, als man denkt, wenn man die Kultur wirklich kennt. Gerade im Süden ist das ein sehr großes Thema, dort ist Frauenschlagen in der Familie etwas, das einfach vorkommt. Es ist normalisierter. Das ist definitiv kein Grund für Thais, die Polizei zu rufen, weil der Frieden im Dorf und in der Gemeinschaft gewahrt werden soll. Das ist die Schattenseite. Thais sind höflich, aber sehr reserviert in ihrer Natur. Wenn du dir Verbindung mit Menschen wünschst, hast du ein paar Schichten mehr, bis du zur Essenz kommst. In der deutschen Kultur, wo man sehr direkt redet, hast du schneller Zugang dazu, wer der Mensch eigentlich ist. Du hast zwar mehr Skepsis und mehr Misstrauen, aber wenn das überwunden ist, schaffst du es meiner Meinung nach in relativ kurzer Zeit, zumindest die Werte eines Menschen zu verstehen und abzuschätzen, ob dieser Mensch zu dir passt. Das schätze ich an der deutschen Kultur. Was für mich toxisch ist, ist nicht der einzelne Mensch, sondern was das Land mit den Menschen macht.
Was vermisst du aus Deutschland?
Erstens die Musikkultur. Für mich ist Deutschland immer noch einer der krassesten Orte, wenn es um Subkulturen geht, besonders in der Musik. Auch wenn vieles kommerzieller geworden ist, gibt es noch eine starke Kultur von: Wir als Gemeinschaft, wir als Crew kümmern uns darum, dass etwas passiert und dass etwas Neues passiert. Und das nicht nur in den Epizentren wie Köln, Leipzig, Berlin. In Thailand habe ich dagegen das Gefühl, dass sie beim Thema Kreativkultur 30 Jahre hängen geblieben sind. Wenn etwas Innovatives passiert, kommt es wieder aus Europa. Aus dem Land selbst kommt selten etwas, das richtig frisch ist. Zweitens: Ich hätte nie gedacht, dass ich deutsches Brot so sehr vermissen werde. Ich bin mit Reis aufgewachsen, größtenteils bei meiner Mutter, seit ich zwölf war. Und trotzdem denke ich unterwegs: Wie kann es sein, dass eine Kultur, die so food-rich ist wie Thailand, das nicht hat? Thailand kann die heftigste Inflation haben, die Leute werden nicht verhungern, das Land ist reich an Nahrungsquellen und Landwirtschaft. Und trotzdem sind sie noch nicht darauf gekommen, dass man daraus ein richtig gutes Brot machen könnte. Und drittens, persönlich: der Rhein. Ich bin am Rhein aufgewachsen, ursprünglich aus Mainz, dann lange in Köln. Der Rhein ist für mich ein sehr starkes Heimatgefühl. Ich mag Flüsse generell, das war in Budapest auch so. Es gibt diesen Gedanken, dass ein Fluss, der durch eine Stadt geht, ein Luxus ist, den sich jeder Mensch leisten kann. Egal ob arm oder reich, alle treffen sich am Fluss. Und Flüsse waren häufig Handelsstätten und haben dadurch immer eine bestimmte Offenheit mitgebracht. Ich habe Lust, irgendwann wieder für ein, zwei Wochen einfach irgendwo am Fluss zu sitzen, ein kleines Feuer zu machen und dem Flüstern des Wassers zuzuhören.
Was sollte jemand als Erstes klären, der auswandern will?
Die sinnvollste Art, mit dem Auswandern umzugehen, ist, dass du das Thema Cashflow vorher besprichst. Alles andere sind letztendlich Formalitäten, und die können je nach Lebenssituation unterschiedlich sein. Ich hatte definitiv einen Sonderweg, trotzdem musste ich mich aus Deutschland abmelden – das habe ich vor sechs Jahren gemacht – ein Gewerbe anmelden und mich um eine internationale Krankenversicherung kümmern. Diese Formalitäten haben in den meisten Fällen individuelle Unterpunkte. Aber was fundamental gleich bleibt: Du musst dich um Geld kümmern. Du musst dich in irgendeiner Form darum kümmern, dass du im Ausland Geld verdienst. Es kann auch sein, dass du im Ausland selbst einen Job annimmst. Wenn ich in Europa bleiben und zum Beispiel nach Portugal auswandern würde und es erst mal nur ums Ankommen geht, dann darf ich mich nicht so anstellen und kann auch mal ein paar Monate in der Gastro oder im Customer Support arbeiten. Bei den Formalitäten sage ich immer: Du bist ein erwachsener Mensch, das findest du heraus. Es ist einiges einfacher als vor zehn Jahren, es gibt so viel Wissen und so viele Blogs, die nur darauf spezialisiert sind. Aber all das hilft dir nichts, wenn du dir die ganze Zeit im Kopf die Frage stellen musst: Von welchem Geld lebe ich?
Was passiert, wenn Leute nur mit Erspartem losfliegen?
Ich sehe in Thailand jeden Tag Menschen, die mit One-Way-Tickets kommen. Und dann geht den Leuten das Geld aus. Wenn es nur dein Erspartes ist, sind das zwei bis drei Monate, und spätestens dann fängt dieser Gedanke an, dich aufzufressen. Das ist keine schöne Sache, wenn du in einem Land bist, in dem alles ungewohnt ist, und dein soziales Netzwerk fehlt, das dich auffangen könnte. Du siehst, wie die Summe immer weiter schrumpft. Ich sehe Leute, die diese Frage innerlich frustriert. Deswegen: Kümmere dich zuerst um dein Einkommen. Wenn du dabei Hilfe bekommst, kannst du in drei bis sechs Monaten erstes Geld online sehen. Wenn du es ohne Hilfe machst und nie mit Selbstständigkeit, Unternehmertum oder Online-Business zu tun hattest, kommt es auf dich an. Es kann ein Jahr dauern, es kann in drei Monaten gehen, es kann aber auch erst nach Jahren wirklich anfangen, dass du damit regelmäßig Geld verdienst.
Welche Summe würdest du empfehlen, bevor man geht – und mit wie viel lebt man in Thailand?
Das ist eine sehr breite Frage, aber sagen wir, du bist Single, das kann ich einfacher beantworten, weil ich keine Familie habe. Wenn du irgendwas zwischen 5.000 und 10.000 Euro hast und bereit bist, die ersten ein bis drei Monate zum Beispiel Volunteering zu machen – auf einem Ökodorf, auf einer Biofarm oder in einem Hostel, dafür bekommst du einen Schlafplatz und Essen umsonst –, dann fallen deine Hauptkosten Miete und Essen weg. Dann hält dein Geld sehr lange, wenn du erst mal ankommen willst. Aber du solltest dich in dieser Zeit trotzdem darum kümmern, wie du online Geld verdienst. Denn meiner Erfahrung nach leben die Leute nie unter ihren Verhältnissen, wenn sie ins Ausland gehen. Sie wollen einen Neuanfang, sie wollen sich etwas gönnen, und dann geben sie doch mehr aus als nötig und leben mit 1.000 Euro im Monat statt mit 700 oder 800. Mit 800 kommst du in Thailand sehr basic gut über die Runden. 1.000 Euro sind basic, mit 1.500 ist schon alles chillig, und wenn du 2.000 Euro im Monat hast und nicht die ganze Zeit europäisch essen willst, hast du ein entspanntes, gutes Leben. Ich bin bei der Sparsumme aber nicht die beste Person zum Fragen, denn ich bin nicht die deutscheste Repräsentation davon, wie man Dinge macht. Als ich das erste Mal rausgegangen bin, war ich einfach fucking jung. Und als ich nach Thailand gegangen bin, hatte ich mein Einkommen schon länger.
Und wann ist der richtige Zeitpunkt zu gehen?
Es gibt keinen besten Zeitpunkt, weil du immer Gründe finden wirst, es zu verschieben. Die Situation wird niemals perfekt sein. Ich habe mit Leuten geredet, die 30.000 Euro angespart hatten, und dann kommen Sachen wie: Was ist mit meiner Wohnung, wie verkaufe ich das alles? Da ist noch so viel emotionaler Ballast, den nächsten Schritt zu gehen. Obwohl sie das Geld haben, nehmen sie das als Rationalisierung, es noch nicht zu tun. Und meistens sind das bei einem selbst emotional einfach sehr viele Ängste.
Welche Wege, online Geld zu verdienen, hältst du für Einsteiger geeignet – und welche nicht?
E-Commerce, Dropshipping und Agency finde ich schwierig, wenn du erst ausgewandert bist und dann damit anfängst. Eine Agency erfordert am Anfang sehr viel Neukundenkontakt, und du hast das Geld noch nicht, um bezahlte Werbeanzeigen zu schalten. Also hast du die Auswahl: Content posten, was drei bis sechs Monate dauern kann, bis es planbar und wiederholbar ist. Oder Cold E-Mails – als Relation brauchst du 400 bis 600 E-Mails pro Tag, damit du fünf Erstgespräche pro Tag hast, und das ist ein Volumen. Oder Kaltakquise per Telefon. Oder du fängst über dein Netzwerk an, aber dann lernst du den wichtigsten Skill nicht, nämlich proaktiv an neue Kunden zu kommen. Das Netzwerk ist immer warm, du musst dich der kalten Welt nie beweisen. Es ist noch mal ganz anders, bei einem Menschen, der dich nicht kennt, Vertrauen aufzubauen. Bei E-Com sitzt du ein bis zwei Jahre in den verschiedenen Abteilungen: Customer Support, Touren, mit Partnern reden, wenn Lieferungen zu spät sind – und auf einmal telefonierst du häufig in verschiedenen Zeitzonen. Ich finde E-Com generell kein freundliches Einsteiger-Business, weil die Margen so gering sind, dass du ein gutes wirtschaftliches Verständnis von Zahlen brauchst, um deinen Break-Even zu kennen: Wie viel muss ich mit einer Werbeanzeige verdienen, damit ich wirklich im Profit bin? E-Com läuft größtenteils über Werbeanzeigen und verlangt ein Startkapital von mindestens 15.000 bis 20.000 Euro. Was ich persönlich empfehle: entweder eine Art Infobusiness, also dass du als Coach, Experte oder Berater Leute online berätst, zum Beispiel in drei- bis sechsmonatigen Programmen. Da hast du den Sales-Prozess noch in Deutschland, aber die Delivery kannst du skalieren, weil du fünf Kunden gleichzeitig wöchentlich betreuen kannst, oder zehn, oder 15. Du bist nicht im One-on-one. Die One-on-one-Geschichten sind das, was wirklich an deiner mentalen Gesundheit nagt, wenn du in einer anderen Zeitzone sitzt. Oder Affiliate Marketing – da hast du den Vorteil, dass du nur Marketing können musst. Kein Kundenkontakt, kein Support, keine Dienstleistung, du empfiehlst Partnerprodukte und Partnerdienstleistungen. Da kannst du tatsächlich in unter vier Stunden am Tag ordentliches Geld machen, um im Ausland gut davon zu leben. Der Nachteil ist: Ohne Erfahrung weißt du nicht, welche Produkte du vermarkten solltest, weil du die Economics dieses Business noch nicht verstehst und auch abgezogen werden kannst. Zwei Tipps dazu: Nimm skalierbare Produkte, die dir ein monatliches Abonnement geben. Zum Beispiel eine Auslandskrankenversicherung – wenn du eine empfiehlst, bekommst du vielleicht 20 Euro monatlich, und wenn Leute wirklich ausreisen, halten die sehr lange. Wenn du das hundert Leuten verkaufst, hast du für mindestens ein bis eineinhalb Jahre, vielleicht auch zwei oder drei, 2.000 Euro passiv. Oder du empfiehlst Partnerdienstleistungen, da bekommst du zwischen 250 und 1.000 Euro pro Empfehlung. Aber du musst Marketing wirklich beherrschen.
Sollte man schon vor dem Auswandern damit anfangen, sich online zu zeigen?
Auf jeden Fall. Es ist erst mal nicht so wichtig, ob das, womit du anfängst, auch das ist, was du in ein bis zwei Jahren machen wirst. Denn du baust eine Audience auf. Und wenn du schlau bist, mietest du deine Audience nicht nur – das machst du auf Social Media –, sondern hast wirklich Zielgruppenbesitz. Das ist es letztendlich, wir wollen Zielgruppenbesitz, weil wir dann ein gesundes Business haben und einfacher mit unseren potenziellen Kunden reden können. Social Media ändert sich ja die ganze Zeit. TikTok ist zum Beispiel superschwierig, wenn du dich mit kritischen Themen auseinandersetzen möchtest. Da bekommst du sehr schnell die Nachricht, dass ein Upload runtergenommen wird, wegen Fehlinformation oder weil die Compliance gebrochen wurde. Auf Instagram ist das einfacher. Auf Social Media kaufen Leute dich als Person als allererstes. Ich habe bei sehr vielen Kundenprojekten gesehen: Wenn du jeden Tag postest und die wichtigen Mechanismen hast, kannst du in ein bis zwei, spätestens drei Monaten deine ersten Kunden haben, allein durch Social Media – vorausgesetzt, du kannst verkaufen. Die meisten Menschen haben ein ziemlich verkorkstes Verständnis von Marketing und Vertrieb und auch einen Widerstand gegen diese Themen. Aber es ist möglich. Du musst dich der Welt zeigen und wirst auf einmal eine öffentliche Person. Das ist der Preis, den du zahlst für die Freiheit, die du dir wünschst, für ein unabhängiges Leben im Ausland.
Viele zögern, weil sie Sicherheit brauchen. Was sagst du diesen Menschen?
Ich würde ihnen etwas sagen, was sie nicht hören wollen: Sicherheit ist eine Illusion, und die Deutschen waren einfach sehr gut darin, sie über Generationen aufrechtzuerhalten. Wenn du auswandern möchtest und merkst, es führt kein Weg daran vorbei, dass du ein eigenes Business gründen musst, ob du willst oder nicht, dann musst du erst mal ein neues Verhältnis zum Thema Sicherheit in dir finden. Die innere Entwicklung ist die wirklich große Entwicklung. Ja, es geht auch um die Verhältnisse in Deutschland, um die Politik, ich weiß, dass das Gründe für die Menschen sind. Aber ich glaube, einer der tieferen Wünsche ist, dass sie sich neu erfinden und einen Neuanfang wünschen, eine Transformation, sich selbst neu entdecken. Und zwischen dem Zustand, in dem du bist, und dem Wunschzustand liegt immer ein Weg, den wir Transformation nennen – und der ist meistens von Unbequemlichkeit und Schmerz begleitet.
Und wie geht man mit der Ortswahl um?
Heirate nicht den Ort, von dem du glaubst, dass du dort sein möchtest. Geh das an wie eine Standortanalyse: Mach dir eine Liste von drei bis zehn Orten, auf die du potenziell Bock hast, schon persönlich, bevor du hingehst. Und bestenfalls machst du am Anfang erst mal eine Reiseroute. Es ist natürlich vorteilhaft, wenn deine Top 3 Thailand, Philippinen und Bali sind, dann hast du keine weiten Wege – anders als bei Thailand und Brasilien, da brauchst du mehr Geld wegen der Tickets. Meißel das Thema Auswandern nicht in Stein. Komm raus, mach das zur Priorität, aber sag nicht: Ich wandere jetzt aus und bleibe mindestens ein Jahr in Thailand. Damit machst du dir selbst die Tür zu für andere gute Möglichkeiten. Das macht es dir auch einfacher auszuwandern. Wenn du gleich diesen festen Plan machst, muss alles perfekt sein – gerade Deutsche mit ihrem zerkopften Denken, alles muss gut organisiert und geplant sein, und dann sind wieder Jahre vergangen. Letztendlich bist du irgendwann an einem Ort und merkst: Es muss sich jetzt nicht mehr so viel im Leben verändern, das passt hier. Du versuchst nicht mehr die ganze Zeit, ein vages Ziel zu erreichen, sondern bist einfach cool mit dem Ort, wo du bist. Dazu gehört ein bisschen daten mit dem Ort. Ich bin persönlich aus nur einem Grund in Thailand: Ich habe hier meinen Mentor im Leben gefunden, und der wohnt im Norden Thailands. Wenn der nicht wäre – ich habe zwar die thailändische Staatsbürgerschaft, aber aktuell würde ich China, Bali, Brasilien und Malaysia interessanter finden, wenn es rein um mich gehen würde.
Reicht es, ein Land aus dem Urlaub zu kennen?
In den meisten Fällen weißt du noch nicht so richtig, was du willst. Du kennst das Land, in das du auswandern willst, weil du schon mal da warst und dich im Urlaub verliebt hast. Aber das Land ist noch mal ganz anders, wenn du dort lebst, wenn du arbeitest, wenn du anfängst, die lokale Sprache zu lernen und die Mentalität wirklich kennenzulernen. Ich mache mal eine harte Behauptung: Ich glaube, viele Deutsche lieben und mögen Thailand. Aber ich würde nicht sagen, dass viele Menschen Thailand kennen – auch viele, die schon länger hier reisen. Weil du gerade in Thailand an der Sprache nicht vorbeikommst.
Was möchtest du zum Schluss mitgeben?
Sei proaktiv, das wird belohnt. Und bitte liege eines Tages nicht alt in deinem Bett und musst daran denken, dass du diesen Schritt nie versucht hast. Selbst wenn du daran scheiterst und doch noch mal zurück nach Deutschland musst und dein Gesicht vor deinen Freunden verlierst: Wenigstens hast du es versucht und du warst draußen. Ich glaube, das ist wirklich das Wichtige.
Du denkst über Thailand nach?