
Jan lebt seit zweieinhalb Jahren auf Gran Canaria
Gespräch vom 31. August 2026
Jan ist 30 und stammt aus der Region Bonn, etwa 20 Minuten südlich der Stadt. Seit Ende Mai 2024 lebt er auf Gran Canaria, wo er mit seiner spanischen Partnerin zusammen ist, die seit acht Jahren auf der Insel wohnt und ursprünglich vom spanischen Festland kommt. Er arbeitet weiterhin für seinen deutschen Arbeitgeber, inzwischen aus der Ferne.
Wie kam es dazu, dass du auf Gran Canaria gelandet bist?
Ich hatte eigentlich schon länger das Ziel, in der Sonne und am Strand zu leben, seit 2020, als ich etwas länger auf Reisen war. Nur war da immer die Frage: Wie ist das mit einem Job? Im Reisealltag ist ja alles schön, aber wie sieht das im normalen Alltag aus? Vor zweieinhalb Jahren war ich dann hier im Urlaub und habe meine Freundin kennengelernt. Sie ist Spanierin, wohnt seit acht Jahren hier, kommt aber vom spanischen Festland. Wir haben uns direkt ineinander verliebt, und für mich stand fest: perfekt, dann verbinde ich einfach alles. Man muss nicht bis zur Rente warten, wie man das sonst gerne abtut.
Wie schnell ging das dann?
Vom Kennenlernen bis zu der Entscheidung, dass ich hierherziehe, sind drei Monate vergangen. Dann sind noch mal drei Monate ins Land gegangen, und dann war ich hier. Wenn ich das von jemand anderem hören würde, würde ich auch denken: Das ist ja super schnell, ob das gut geht? Jetzt sind wir seit zweieinhalb Jahren zusammen, und es waren genau die richtigen Entscheidungen, aus dem Herzen heraus. Ich hatte in Deutschland auch ein sehr gutes Leben mit tollen Freunden, aber es hat mich einfach zu sehr gereizt.
Du bist ohne Jobzusage losgezogen. Wie hast du das gelöst?
Das war erst mal die Riesenhürde, aber ich habe mir gesagt: Egal was ist, ich schaffe das. Ich arbeite im Vertrieb und hatte auch Face-to-Face-Termine. Ich habe meinen Chef gefragt, ob ich irgendetwas remote machen kann – die Antwort war erst mal nein. Also habe ich für mich entschieden: Dann ziehe ich eben ohne Job hin. Ich hatte ein bisschen was Erspartes, und irgendwas findet sich, im Restaurant oder im Tourismus. Blind vor Liebe – das hat mir auch den Mut gegeben. Am Ende hatte ich Glück: Mein Chef wollte unbedingt weiter mit mir zusammenarbeiten, hat sich in der Geschäftsführung durchgesetzt, und es fand sich eine Möglichkeit, mich weiter zu beschäftigen, sehr nah an meiner damaligen Tätigkeit. Letztendlich habe ich meinen Job behalten.
Bist du an Gran Canaria gebunden oder könntest du von überall arbeiten?
Abgemacht ist erst mal Gran Canaria. Zwischen Deutschland und Gran Canaria kann ich mich bewegen, wie ich möchte, und das ist mir wichtig – wegen Familie, Freunden und generell wegen der Freiheit. Ob das auch von ganz Europa aus ginge, weiß ich nicht. Mittlerweile hat sich alles eingespielt, aber es kann auch sein, dass da irgendwann eine Grenze ist.
Wie sah der Umzug selbst aus?
Umgezogen bin ich Ende Mai 2024. Ich bin mit dem Auto los, drei Tage gefahren, dann noch mal 36 Stunden Fähre, und dann war ich hier – mit drei Kisten und dem, was sonst noch in den Kofferraum passte. Das war ein cooles Gefühl, das ganze Leben in einem Auto und dann einfach auspacken. Dieser ganze materielle Ballast: Je mehr Sachen man hat, desto mehr muss man sich um seine Sachen kümmern. Das ist mir da klar geworden. Es ist ein sehr schönes Gefühl, so flexibel zu sein, dass ich nur mein Auto vollpacken müsste, wenn sich mein Leben irgendwann wieder ändert.
Was war rückblickend die größte Hürde?
In Deutschland hatte ich meine festen Bezugspunkte, gerade sozial. Man hat sich Strukturen geschaffen, in denen man sich sehr sicher bewegt, und merkt gar nicht mehr, dass das nicht selbstverständlich ist. Das ist eine große Komfortzone, und eine sehr schöne. Beim Auswandern ist das notgedrungen erst mal alles weg. Das fängt bei den Freunden an und geht weiter bei den Lebensmitteln, die man gerne isst – man muss alles neu ausprobieren. Bei Freundschaften stellt sich die Frage: Wie funktioniert das hier? Gehe ich auf Deutsche zu, schließe ich sie bewusst aus, bleibe ich in einer internationalen Bubble? Mir ist dabei aufgefallen, dass ich sehr unsicher geworden bin im Umgang mit anderen Menschen. Vorher hätte ich von mir gesagt: Ich bin ein offener Typ, ich kann mit jedem. Auf einmal habe ich mich in Gruppendynamiken total untergeordnet, habe meine Meinung nicht mehr gesagt, um nicht anzuecken. Das war für mich das größte Problem. Andere Deutsche hier haben mir gespiegelt, dass sie am Anfang genau das gleiche hatten.
Was hat dir geholfen, Anschluss zu finden?
Bergauf ging es, als ich gesagt habe: Scheiß drauf, ich verstelle mich nicht mehr. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann sage ich es. Vorher war ich immer still und zurückhaltend. Seit ich sage, ich bin einfach so, wie ich bin, und entweder mögen die Leute das oder nicht, ging es deutlich besser. Ich habe mehr Leute kennengelernt, sie haben auch öfter nachgefragt, ob ich mitkommen will. Ich war, glaube ich, greifbarer als Person. Klingt wie ein Kalenderspruch – sei du selbst –, aber es ist wirklich so.
Wo lernst du die Leute konkret kennen?
Ich hatte es etwas leichter, weil meine Freundin mich hier und da mitgenommen hat. Aber ich habe gemerkt, dass ich auch einen eigenen Freundeskreis brauche. Irgendwann lernt man eine Person kennen – es gibt in jeder Gruppe jemanden, der gefühlt jeden kennt. Von denen habe ich mehrere getroffen, und die fragen dann: Hey, wir gehen Volleyball spielen, bist du dabei? Und dann habe ich zu solchen Dingen einfach Ja gesagt. Da trifft man ein, zwei Leute, die man nett findet, die kommen beim nächsten Mal wieder. Man muss sich ein bisschen entlanghangeln. Und wenn da jemand Volleyball spielt, muss man eben sagen: Hey, ich bin Jan, kann ich mitspielen? Einer sagt vielleicht mal nein, die meisten sagen ja. Da muss man einmal die Komfortzone verlassen.
Wie ist es mit der Sprache?
Ich kann gut Spanisch, etwas mehr als Alltagsspanisch. Ich kann Gespräche führen. Für tiefe Gespräche mit Freunden reicht es leider noch nicht. Englisch können hier viele, aber sie sprechen deutlich lieber Spanisch.
Was hättest du gerne vorher gewusst?
Ich habe vor ein paar Jahren eine Doku über Auswanderer gesehen, Portugal und Spanien, und da wurde gefragt, was der beste Tipp ist. Die Frau guckte in die Kamera und sagte: einfach machen. Ich dachte: Super Tipp, wie soll ich das morgen umsetzen? Ich fand mich da eher machtlos. Ich habe damals in einem Fitnessstudio gearbeitet, Personal Coachings gemacht, zehn Stunden die Woche an der Rezeption gesessen – ich dachte, so etwas geht bei mir auf gar keinen Fall, und schon gar kein Remote-Job. Am Ende war es überhaupt nicht so schwer. Ich wäre schon früher ausgewandert, wenn ich gewusst hätte, dass ich einfach nur meinen Chef fragen muss. Dann hätte ich das zwei Jahre eher gemacht, auch ohne meine Freundin. Sie hat mir nur den Mut gegeben, weil die Verliebtheit mir Kraft gegeben hat. Der Tipp stimmt also. Vielleicht ist es bei anderen nicht damit getan, den Chef oder die Chefin zu fragen, aber es gibt oft irgendetwas Naheliegendes, womit man anfangen kann. Ich habe auch Leute kennengelernt, die sich über Facebook-Gruppen Jobs gesucht haben.
Was würdest du Menschen mitgeben, die auswandern wollen, aber Angst davor haben?
Die Spanier nennen uns Cabezas Cuadradas, Quadratköpfe, weil wir alles so zerdenken. Ohne die Komfortzone zu verlassen und ohne ein Risiko einzugehen, wird es nicht klappen. Wie sich das mit Familie anfühlt, kann ich überhaupt nicht einschätzen, aber ich habe auf Instagram viele Kanäle von Familien gesehen, die auswandern. Man kann sich also erst mal so gut wie möglich informieren: Welche Sackgassen kann ich vermeiden? Und dann bleibt trotzdem ein Teil, bei dem man sagt: Das muss ich jetzt einfach probieren. Das Risiko kann auch sein, dass alles klappt, man hat den Job, und trotzdem fühlt man sich nie wohl. Kann passieren. Aber oft verbirgt sich hinter diesem Sprung etwas ganz Neues, ein neuer Horizont. Man hat seine Grenzen verschoben, und das ist es im Leben wert. Man landet nicht auf der Straße. Viele Menschen haben Angst, auch nur ein Prozent von dem zu verlieren, was sie besitzen – Geld, Materielles. Das ist alles nicht wichtig.
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