Anastasia lebt seit zehn Tagen auf Bali und plant von dort aus ihre Reise um die Welt

Anastasia · seit 10 Tagen · Bali, Indonesien

Digital Nomade

Gespräch vom 14. August 2026

Anastasia ist 27 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Russland. Mit fünf Jahren wanderte sie mit ihrer Familie nach Deutschland aus, wo sie zur Schule ging, Englisch und Philosophie im Bachelor studierte und anschließend einen MBA in Wirtschaftspsychologie machte. Danach arbeitete sie in der Finanzberatung, bevor sie ihr Leben in Deutschland auflöste. Seit zehn Tagen lebt sie auf Bali und will von dort aus als digitale Nomadin weiterziehen – zunächst durch Südostasien, später möglichst durch die ganze Welt.

Du bist mit fünf Jahren schon einmal ausgewandert. Wie hat dich das für den zweiten Schritt geprägt?

Ich komme ursprünglich aus Russland, wir sind damals nach Deutschland ausgewandert, da war ich fünf Jahre alt. Irgendwann habe ich mir gedacht: Ich bin schon einmal ausgewandert, das kriege ich auch noch ein zweites Mal hin. In Deutschland habe ich dann die Schulbank gedrückt, Englisch und Philosophie im Bachelor studiert, danach einen MBA in Wirtschaftspsychologie gemacht und war Finanzberaterin. Und dann habe ich mir gedacht: Ich werfe das alles über Bord und werde digitale Nomadin. Also etwas komplett anderes als das, wo ich herkomme.

War das ein längerer Entwicklungsprozess oder eine spontane Entscheidung?

Bei mir war es tatsächlich andersherum. Ich wollte schon immer weg, aber ich habe mich all die Jahre dem System gebeugt. Es könnte sein, dass das mit der ersten Auswanderung zu tun hatte, weil meine Familie ja nach Deutschland gekommen ist, damit wir ein besseres Leben haben können. Meine Mutter war auch immer sehr darauf getrimmt: Du musst diesen Weg gehen, du musst studieren, du musst das alles machen, damit du ein anderes Leben hast. Ich habe versucht, dieses andere Leben zu leben, das, was für die anderen das bessere wäre. Aber es hat nie gepasst. Ich habe es wirklich ganz lange probiert, mit allen möglichen Karrierepfaden und Ausbildungen. Schon sehr früh, als ich das erste Mal bewusst gelernt habe zu denken, habe ich festgestellt: Dieses System ist für mich ein Gefängnis, ich will da raus. Und dann habe ich gewartet und probiert.

Was genau meinst du, wenn du vom System sprichst?

Dieses klassische Neun bis fünf. Man lebt eigentlich nur zum Arbeiten und für die Rente. Spätestens als ich in der Finanzberatung war, habe ich festgestellt, dass wir da keine Rente bekommen werden. Das heißt, wir leben eigentlich für gar nichts – immer für irgendeinen Chef, für die nächste Aufgabe, dafür, fragen zu müssen, ob man in den Urlaub darf. Das hat mir ganz und gar nicht gepasst. Ich wollte fürs Leben leben und parallel irgendwas machen, was sich so gut anfühlt, dass es sich gar nicht wie Arbeit anfühlt. Das konnte ich in diesem Neun bis fünf nicht finden. Ich wollte mehr mit mir leben, mit meinem Geist, als Frau vielleicht auch mit meinem Zyklus. Nicht immer das machen müssen, wenn andere es gerade von dir wollen, sondern wenn es für dich okay ist.

Wie haben Familie und Freunde auf deine Pläne reagiert?

Mein Kreis ist sehr klein, genau deswegen, weil ich viel von Menschen umgeben war, die in diesem System sind. Ich glaube, die sehen den Sinn hinter dem, was ich gerade mache. Aber sehr viele Menschen haben einfach zu viel Angst, weil sie in dieses System hineingeboren oder hineingedrückt wurden. Sie trauen sich das Ganze nicht und deswegen bleiben sie. In meiner Familie ist der Gedanke dagegen weit verbreitet. Obwohl sie nach Deutschland gekommen sind, um ein besseres Leben zu haben, haben sie festgestellt: Es war wahrscheinlich die nächstbessere Stufe, aber es ist immer noch nicht das Endgame. Im Freundeskreis eher weniger – die Leute reden einem ihre Angst ein und projizieren sie. Das hat mich vielleicht auch ein bisschen zu lange in Deutschland gehalten, weil ich wenig Umfeld hatte, das mich bestärkt hat.

Was würdest du Menschen sagen, die auswandern wollen, sich aber nicht trauen?

Gefühle wie Angst und Unsicherheit sind ganz normal. Die kriegst du auch nicht weg. Man sagt ja: Erst kommt die Tat und dann die Selbstsicherheit. Du kannst nicht selbstsicher werden, wenn du es noch nicht probiert hast. Du musst erst verstehen: Okay, ich habe es gemacht und ich schaffe es auch. Das Ziel sollte nicht sein, die Angst wegzubekommen, sondern es trotz der Angst zu machen. Und man sollte sich einmal hinsetzen und durchdenken, was man eigentlich möchte. Denn diese Sicherheit in Deutschland ist auch nur eine Illusion. Es gibt so ein Bild oder einen Satz: choose your hard. Alles ist irgendwo hart. Wähl einfach den harten Weg, der sich für dich am Ende schöner darstellt. Ist es schöner, im Neun bis fünf zu bleiben und sich bis zur Rente durchzuprügeln, oder sich irgendwo auf der Welt durchzuprügeln? Am Ende ist alles irgendwo hart und die Angst ist überall. Man muss es sich einfach nur aussuchen.

Wie hast du die letzten Tage in Deutschland und die ersten auf Bali erlebt?

Der erste Schritt, dieses Realisieren – das ist jetzt meine letzte Nacht in Deutschland, das ist jetzt die Fahrt zum Flughafen mit meiner Familie –, das war hart. Du hast wirklich das Gefühl, du stirbst. Du gibst dein Leben komplett auf, du hast alles aufgelöst. Und dann das Landen auf Bali. Dieses Klarkommen ist auch anstrengend: Jetlag, andere Kultur, anderes Wetter, der Rhythmus komplett verschoben. Aber wenn man sich ein bisschen erholt hat, und das habe ich mittlerweile, dann kommst du an und realisierst: Ich habe es geschafft. Trotz aller Zweifel, die auf dieser Achterbahnfahrt hochkommen, sitzt du da. Und dann kannst du mit klarem Kopf reflektieren: Was gefällt mir hier, was nicht, worauf möchte ich weiter achten? Da bin ich gerade.

Warum bist du ausgerechnet nach Bali gegangen?

Ich war schon einmal vorher auf Bali. Der Absprung von Deutschland nach Südostasien ist sehr krass, und ich dachte mir: Dieses ganze Auswandern ist ohnehin schon hart, auch für die mentale Seite – ich mache es mir ein bisschen leichter. Ich gehe erst mal dorthin, wo ich schon einmal war und wo ich ein bisschen Überblick habe. Ich kenne hier die Straßen, ich weiß grob, wie es funktioniert. Ich bin hier erst mal nur für zwei Monate, das Visum geht auch zwei Monate. Wenn ich mich akklimatisiert habe, traue ich mich ins nächste Land.

Wie geht es danach weiter?

Ich klappere erst mal Südostasien komplett ab. Nach Bali kommt direkt Thailand für zwei Monate, dann Vietnam und dann mal gucken. Im Grunde will ich die ganze Welt sehen, wenn ich jetzt schon so frei bin. Danach interessiert mich Afrika, Indien, Mexiko, die Richtung, und natürlich auch ein bisschen was in Europa. Ich will alles mitnehmen, was ich mitnehmen kann, und mich in allem weiterbilden, auch kulturell.

Wie hast du das Thema Krankenversicherung für dich gelöst?

Ich glaube, das Gesundheitssystem in Deutschland wird ein bisschen zu sehr gelobt. Man sagt, man müsse den Krankenwagen nicht bezahlen – aber man zahlt ja jeden Monat dafür, dass man ihn nicht bezahlen muss. Kostenlos ist das System nicht. Für Menschen, die nicht viel haben, ist es trotzdem ein sehr gutes System. Hier gibt es auch überall Krankenhäuser und Ärzte, auch hier werden Menschen krank und versorgt. Es kommt dann darauf an, welche Klinik du dir leisten kannst. Es gibt aber auch die internationale Krankenversicherung, sodass man sich gar nicht auf die deutsche verlassen muss. Die deckt genau das Gleiche ab, wenn du das möchtest, und übernimmt die Kosten. Da zahlst du auch monatlich. Oder du sagst, je nachdem, was du für Kapital hast: Ich zahle das selbst. Über meinen eigenen Tarif möchte ich keine Auskunft geben, weil ich selbst in der Versicherungsbranche gearbeitet habe und nicht will, dass Leute sich daran orientieren – das ist immer eine Frage der Risikoeinschätzung und dessen, was man wirklich braucht. Eine Preisspanne kann ich nennen: Der Mindesttarif für wirklich nur Notfälle, also stationär und Unfälle, geht bei 20 Euro los. Dann kannst du aufstocken – Deckungssumme, ambulant, Zähne, Schwangerschaft. Bei einem Gesamtpaket bist du, glaube ich, bei 300 Euro im Monat.

Auf Social Media wirkt Bali oft wie ein Luxusort. Deckt sich das mit dem, was du siehst?

Das ist der Irrtum, dem ich beim ersten Mal selbst aufgesessen bin. Ich dachte, es ist hier mega schön und luxuriös günstig. Es ist auch mega schön, aber es ist nicht luxuriös. Das Leben ist hier deutlich einfacher. Und es gibt Menschen, die haben darauf Bock, für die eignet sich das sehr gut: eins mit der Natur sein, morgens aufstehen, seiner Arbeit nachgehen, du hast das Essen auf dem Tisch, ein schönes Klima, du meditierst und gehst wieder schlafen und bist glücklich. Aber es ist definitiv kein Luxus wie auf einem Dubai-Bild. Deswegen hatte ich bei meiner ersten Reise erst mal einen Kulturschock. Diesmal wusste ich, wo ich hinfliege, und dass es erst mal nur ein Ankommen sein soll. Ich will den Leuten ja keinen Quatsch erzählen. Es bringt nichts, wenn ich allen sage, wandert alle nach Bali aus, und selber bald weiterziehe.

Nach zehn Tagen: Was spricht für dich gegen Bali als dauerhaften Standort?

Das ist schwierig kurz zu fassen, weil da ein ganzes System mit hineinspielt. Ich würde kein Zuhause in den Tropen haben wollen. Dieses Klima finde ich für einen Urlaub sehr schön, ich könnte mir vorstellen, hier Monate zu bleiben, aber nicht konstant meinen Standort hier zu haben. Das Klima passt einfach nicht zu mir. Was mir hier auch nicht zusagt, ist die Lebensqualität der Menschen, die hier wohnen. Es ist eine arme Insel, ein armes Land, und das tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich hier eine weiße, privilegierte Frau bin und nur deshalb anders lebe, weil das Geld von woanders hereinkommt. Davon möchte ich nicht umgeben sein, aber gleichzeitig auch nicht in irgendwelchen luxuriösen Gegenden leben. Es muss stimmig sein. Ich bin da selbst noch im Konflikt mit mir, wie ich das formuliere, ohne das Leben der Menschen hier abzuwerten. Aber das ist deren Realität, ich komme aus einer anderen Realität in Deutschland, und ich will es ja besser haben als dort.

Was müsste sich ändern, damit du wieder nach Deutschland zurückkommst?

An den Menschen und an der Mentalität ändert sich erst mal nichts. Ich will auf gar keinen Fall alle über einen Kamm scheren, aber ich habe das Gefühl, in Deutschland sind die Menschen eher kühler. Diese herzliche, gastfreundliche, offene Art gibt es dort seltener. Sie gibt es, aber deutlich seltener. Und dann ist da das große Thema, wo Steuergelder hinfließen und in welche Richtung sich die Politik entwickelt. Diese Verteilung passt mir nicht. Auch beim Thema Rente sieht man das: Am Ende sammeln Menschen Pfandflaschen, die es eigentlich bräuchten. Ich weiß selbst nicht, wie man es besser macht, ich bin keine Politikerin und will auch keine werden. Ich weiß nur: Für mich passt das nicht. Ich möchte nicht, dass so viel von dem, was ich erarbeite, abgezapft und dann so verwendet wird. Ich teile sehr gerne und gebe der Gemeinschaft gerne etwas zurück, aber nicht auf diese Weise.

Was möchtest du zum Schluss noch mitgeben?

Wenn Menschen ein anderes Leben anstreben: Es kommt nicht, wenn man nur sitzt und wartet. Es kommt nur, wenn man aufsteht, etwas tut und den Sprung wagt – auch ohne zu wissen, ob unter einem ein Netz ist, das einen auffängt. Und tatsächlich ist genau in solchen Momenten wirklich ein Netz da. Das habe ich in meinem Leben immer wieder erlebt: Sobald man den Sprung ins Ungewisse wagt, wenn man keine Ahnung hat, verzweifelt ist, am Tiefpunkt, und man traut sich – dann ist dieses imaginäre Netz plötzlich da. Das erfordert Mut und vielleicht auch ein bisschen Wahnsinn. Gerade wenn man die deutsche Struktur kennt, in der alles geplant und organisiert sein muss und man bloß kein Risiko eingehen soll. Mich haben sehr viele Leute wild angeguckt und kritisiert. Aber am Ende siehst du, wie diese Leute leben und wie du lebst. Ich bereue es nicht, auch wenn ich immer noch nicht alles weiß. Ich werde nie alles wissen. Ich habe immer noch keinen Plan, was ich eigentlich tue, aber ich tue es trotzdem, und irgendwie klappt es.

Du denkst über Indonesien nach?