
Jan lebt seit 2021 in einem Bergdorf bei Paphos auf Zypern
Gespräch vom 18. August 2026
Jan ist in der Nähe von Kassel aufgewachsen, in Melsungen, und hat 17 Jahre in Berlin gelebt und gearbeitet. 2021 zog er mit seiner Freundin nach Zypern und wohnt heute in einem kleinen Dorf, das zu Paphos gehört – etwas höher in den Bergen, wo die Luftfeuchtigkeit niedriger und der Sommer dadurch erträglicher ist. Er arbeitet selbstständig von dort aus und hat sein Berufsleben nach dem Umzug komplett neu aufgebaut. Ausgewandert ist er mit einem 40-Fuß-Container, elf Gitarren in Hardcases inklusive.
Nach 17 Jahren Berlin dann Zypern – wie kam es dazu?
Nach 17 Jahren war die Stadt für mich einfach nicht mehr spannend. Das Gefühl war: Lass uns woanders hingehen, wo es wieder neu ist. Wir haben uns viele Orte angeschaut und überlegt, was am meisten Sinn macht. Hamburg war ursprünglich mein Ziel gewesen, da bin ich dummerweise falsch nach Berlin abgebogen. Aber am Ende ging es nicht um eine andere deutsche Stadt. Wichtig war uns ein Ort, wo sich das Klima nicht so stark ändert, wo man nicht diese täglichen Wetterwechsel hat wie in Deutschland – ein Tag Sonne, am nächsten Regen. Da wäre Hamburg noch schlimmer gewesen. Deswegen war auch Madeira im Gespräch, da ist es übers Jahr noch ausgeglichener. Ich mag es sehr warm, kalt mag ich nicht so sehr.
Wie lief die Entscheidung dann konkret ab?
Wir waren im Mai zum ersten Mal auf Zypern, noch während der Corona-Zeit, und haben einen Freund besucht, der im Januar des Jahres hierhin ausgewandert war. Man durfte damals das Haus nicht einfach verlassen, man musste sich per SMS anmelden und eine Rückbestätigung abwarten, dann durfte man für zwei Stunden raus, um Sport zu machen. Das war der einzige Grund. Die Zyprioten haben daraus natürlich ein Geschäft gemacht und Sportklamotten verkauft – alle liefen in Sportsachen und Turnschuhen draußen rum, Sport gemacht hat keiner, aber man sah so aus. Wir sind damals zurückgeflogen und haben gesagt: Nein, das ist hässlich hier, alles grau und farblos. Dann haben wir uns andere Orte angeschaut und gesagt: Komm, lass es nochmal im Sommer probieren. Im Juli und August kann es hier deutlich über 40 Grad werden, und als Insel hat man eine hohe Luftfeuchtigkeit. Das wollten wir vorher wissen: Kommen wir damit klar? Wir sind im Juli wieder hin und fanden es plötzlich schön. In diesen vier Wochen haben wir jeder sein eigenes Business hier gegründet und ein Haus gemietet. Dann sind wir zurück nach Berlin, hatten noch drei Monate, bis der Mietvertrag hier anfing, und haben in der Zeit alles aufgelöst. Es ging also sehr spontan los – wir waren gar nicht mit dem Plan hergekommen, nach Zypern auszuwandern.
Was war der Reality Check nach dem Umzug?
Man kennt diese Fernsehsendungen, Auswandern nach irgendwas, und sitzt davor und denkt: Mann, wie kann man dahin auswandern, ohne die Sprache zu kennen, ohne eine Geschäftsidee zu haben. Das Spannende ist, dass man selber relativ einfach in so etwas landet. Gerade als Unternehmer ist es mittlerweile schwierig, mit einem laufenden Geschäft aus Deutschland rauszukommen. In meinem Fall hatte ich in Deutschland alles erledigt, verkauft, geschlossen – ich bin komplett ohne laufendes Business ausgewandert und habe hier von Anfang an alles neu aufgebaut. Das hat länger gedauert, als ich dachte. Es treffen einfach viele Sachen aufeinander: neue Community, neue Freundschaften, neues Business, in der Beziehung an einem neuen Ort klarkommen, sich an andere Gepflogenheiten gewöhnen. Das ist nicht so wie in Deutschland, wo du ein Business beendest, das nächste anfängst und dich nur darauf konzentrierst, weil alles andere schon stimmt.
Zypern gilt bei vielen Deutschen als Steuerthema. War das bei dir der Auslöser?
Nein. Bei Zypern denkt man, man geht wegen der Steuern hin. Für viele Unternehmer ist das ein Thema, und ja, es ist ein positiver Nebeneffekt, aber es war definitiv nicht die Hauptentscheidung. Zuerst war die Suche nach einem anderen Ort, der klimatisch interessanter ist. Der zweite Gedanke war, dass wir viel reisen wollen. Und dann kommt man in diese Regelung mit den 186 plus Tagen pro Jahr, die man irgendwo steuerlich anwesend sein muss. Wir wollten eine Base haben, bei der alles sein Setting hat und ich nicht in drei Jahren mit irgendeinem Finanzamt diskutieren muss. Auf Zypern war es bisher so, dass es diese 60-Tage-Regelung gibt – du musst 60 Tage im Jahr hier sein und den Rest nicht. Mittlerweile hat sich das noch etwas geändert, es gibt Regelungen, dass du unter bestimmten Bedingungen gar nicht mehr da sein musst. Diese 60-Tage-Regelung fand ich deutlich spannender als den Steuersatz, dafür wäre ich auch bereit, mehr Steuern zu zahlen. Aber ehrlich gesagt: Wenn du im EU-Bereich bleiben und deine EU-Sozialversicherung behalten möchtest, ist das aktuell wahrscheinlich das idealste Setup, das du wählen kannst. Der Spaß ist natürlich, dass wir bisher trotzdem nicht so viel weg waren. Wie in Berlin – man hat die Möglichkeit und nutzt sie dann nicht.
Wie hoch sind die Lebenshaltungskosten?
Mindestens auf Niveau Deutschland, teilweise teurer. Es ist eine Insel, fast alles muss importiert werden. Was hier selbst angebaut wird, Obst und Gemüse, ist deutlich günstiger als in Deutschland. Alles andere wird importiert und hat dadurch einen deutlich höheren Preis. Es gibt hier kleine Biomärkte, die sehen noch aus wie die Biomärkte in Deutschland in den 80ern, mit Ikea-Holzregal und drei Produkten pro Sorte. Wenn du in Deutschland drei Euro für ein Produkt zahlst, zahlst du hier wahrscheinlich neun oder zehn. Einfach weil die importierte Menge so klein ist – die ganze Insel hat nur 900.000 Einwohner. Restaurantbesuche sind ungefähr auf dem gleichen Niveau.
Und die Mieten?
Mieten ist deutlich komplizierter. Durch die vielen Leute, die hierherkommen, ist es teurer geworden. Und du kriegst nicht den Value für den Preis. Irgendjemand hat das neulich schön beschrieben: Ein Besitzer hört von seinem Nachbarn, der ein 150-Quadratmeter-Haus mit vier Zimmern hat und 6000 Euro Miete nimmt. Dann sagt der mit seinem Zwei-Zimmer-Haus mit 50 Quadratmetern: Wenn der 6000 nehmen kann, nehme ich auch 6000. Es wird nicht in Relation gesetzt zu dem, was dahintersteht. Als wir hergekommen sind, war es noch recht günstig. Wenn du heute drei Bedrooms haben möchtest – gezählt wird Anzahl der Schlafzimmer plus Wohnzimmer, Küche und Bäder –, bist du bei zweieinhalbtausend aufwärts. Wer in Deutschland 850 Euro für 60 Quadratmeter und zwei Zimmer zahlt, landet hier wahrscheinlich bei 1100 bis 1300. Es kommt auch auf den Ort an: Paphos ist noch günstiger, Limassol deutlich teurer. Kaufen lohnt sich hier aktuell eher. Die Relation ist ungefähr: Ein Haus, das im Kauf 600.000 kostet, würdest du hier für 5000 im Monat mieten. In Deutschland macht das überhaupt keinen Sinn.
Wie steht es um Bürokratie – merkt man, dass Zypern in der EU ist?
Zypern ist Mitglied der EU, du bist hier auch ganz normal sozialversichert, auch als Unternehmer. Es gibt nur eine gesetzliche Versicherung, nicht wie in Deutschland, dass du dich als Unternehmer privat versicherst. Mit dieser gesetzlichen Versicherung bist du auch versichert, wenn du nach Deutschland oder Italien reist. Das Spannende ist: Zypern ist eines der beiden europäischen Länder, die nicht zum Schengen-Abkommen gehören, und es liegt als einziges EU-Land in Asien. Wenn du hier die Uhrzeit suchst, suchst du immer unter Europa, und dann taucht es nicht auf – man muss unter Asien nach Nicosia gucken. Beim Rest ist das Mindset oft: Warum soll ich mich jetzt anpassen, das war immer so. Ich konnte hier immer links abbiegen, also biege ich weiterhin links ab, auch wenn da jetzt eine Mauer ist. Man versucht den Verkehr über den Straßenbau so zu regeln, dass bestimmte Abbiegungen nicht mehr möglich sind – sie tun es trotzdem. Mein Lieblingsbeispiel ist Datenschutz: Meine alte Hausärztin hatte alle Patienten in CC. Und Plastikstrohhalme sind wirklich ein Thema, ich glaube, hier wurde alles aufgekauft, was es noch gab. Und was die Bearbeitungszeiten angeht: Wenn du jetzt eine Steuererklärung abgibst, erwarte den Bescheid in acht bis neun Jahren. Wir sind aktuell bei sieben oder acht Jahren. Bürokratie kann hier durchaus komplizierter und langwieriger sein als in Deutschland. Manchmal ist sie aber auch schneller.
Wie hast du die Gründung und die Formalitäten vor Ort gelöst?
Ich sitze hier in einem Co-Working Space in Paphos mit meinem Büro, und die haben uns bei diesen Prozessen unterstützt: Unternehmen gründen, Wohnung finden. Die sind darauf ein bisschen spezialisiert, die Leute vor Ort zu kennen und dich zu vermitteln – nicht der eine Berater, der dir das komplette Paket verkauft, sondern: Das sind die einzelnen Leute, geh zu denen, die haben hier die Ahnung. Du brauchst einen Yellow Slip, damit du hier steuerlich gemeldet bist, du brauchst deine Steuernummer, deine Umsatzsteuernummer, musst das Unternehmen anmelden und die Sozialversicherung. Viele von diesen Dingen sind auf Griechisch, das darf man nicht vergessen, hier gilt das griechische Alphabet. Viele Formulare sind am Ende wirklich nur griechisch, das heißt, du brauchst einen Steuerberater, der dir beim Ausfüllen hilft. Der Vorteil gegenüber Griechenland ist, dass hier viel auf Englisch übersetzt oder transkribiert wird. Man kommt mit Englisch sehr gut durch, man muss kein Griechisch lernen – ich glaube, das ist auch ein Grund, warum viele Deutsche über Zypern nachdenken.
Es kommen immer mehr Deutsche nach Zypern. Wie erlebst du das?
Es ist tatsächlich so: Egal wo du hingehst, irgendwann hörst du Deutsch. Es sind mehr Deutsche geworden, das merkt man. Aber wenn du hier bist, merkst du auch, dass sich die Welt nicht um Deutschland dreht – das wird dann relativ unspektakulär. Hier sind Israel, Russland und die Ukraine viel präsentere Themen, von dort kommen unheimlich viele Leute her. Für Israelis ist Zypern ein bisschen wie Sylt für Deutsche, wir haben 40 Minuten Flugzeit nach Tel Aviv. Und England: Vor dem Brexit war das für die Engländer eine Ferieninsel, wo sie ihre Häuser hatten. Durch den Brexit werden sie immer weniger, weil sie zurückgehen müssen. Für mich ist die deutsche Szene nicht so spannend, ich bin ja nicht ausgewandert, um mich mit Deutschen zu umgeben. Ich reise irgendwohin, weil ich sehen will, wie die Menschen dort leben. Ich reise nicht irgendwohin, um dort meine Haxe und meine Bratwurst zu essen.
Was fehlt dir – kulturell oder im Alltag?
Kultur ist ein großes Problem. Wir warten nach wie vor darauf, dass The Exploited endlich nach Zypern kommt, nachdem das Konzert Anfang des Jahres ausgefallen ist. Punk-Konzerte gibt es hier relativ wenig. Du hast einen großen Act pro Jahr: Dieses Jahr ist es Sting, letztes Jahr war es Ed Sheeran, 2022 war es Manowar. Es gibt schon viele interessante kleine Sachen, aber es ist eher Kleinstadtniveau, wie man es aus der deutschen Kleinstadt kennt. Durch den Tourismus hast du viele Coverbands – du wunderst dich, wie oft hier Queen, ABBA oder Genesis auftreten. Und was Bestellungen angeht: Same-Day-Delivery gibt es hier nicht. Du kannst in Deutschland bei Amazon bestellen, dann zahlst du pro Produkt ungefähr 16 Euro Versandkosten, weil oft aus unterschiedlichen Lagern verschickt wird, und es dauert trotzdem ein paar Tage. Es gibt Dienstleister mit Sammelstellen in verschiedenen Ländern, die alles in ein Paket packen, aber die verschicken dann nur mit DHL, dann dauert es drei Wochen. Dafür überlegst du dir zweimal, ob du dieses Produkt wirklich brauchst. Was Bio angeht, ist es schwierig. Hier wird viel Roundup benutzt, das ist wirklich ein Problem, Bio-Anbau gibt es relativ selten. Ein Freund versucht hier, einen Bio-Gemüsehandel aufzubauen, und sagt, das sei ein Riesenproblem: Sein Bio-Bauer liefert jetzt Bio-Gemüse und ab nächster Woche nicht mehr, weil er plötzlich etwas anderes anbaut und normal düngt. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass es immer so ist, wie man es aus Deutschland kennt.
Was gibt dir das Leben dort, was Berlin nicht gegeben hat?
Die Lebensqualität ist deutlich höher. Du hast das Meer überall, im Zweifelsfall bist du maximal eine halbe Stunde zum Strand unterwegs. Und dieses Lebensgefühl der Zyprioten, alles ein bisschen lockerer zu sehen und langsamer zu machen. Zypern verändert sich auch gerade: Es war eine Insel des Billigtourismus, das merkt man an vielen Orten noch, aber sie passen sich an und schauen, wie sie anderen Tourismus herbekommen – das erhöht die Qualität deutlich, gerade bei Restaurants. Glücklicher gemacht hat mich das Auswandern auf jeden Fall, auch wenn man sich sowieso über die Zeit entwickelt. Bei einem Ortswechsel hat man einfach mehr Chancen dazu. Was ich jetzt habe, was ich vorher nicht hatte, ist wahrscheinlich mehr Ruhe. In Berlin kannst du überall hingehen, ohne nachzudenken – du setzt dich in die S-Bahn, fährst los, irgendwo ist schon jemand unterwegs und du kannst etwas erleben. Hier musst du gezielt darüber nachdenken: Was möchte ich machen? Das macht viele Dinge nachhaltiger, während du in Berlin eher ein oberflächliches Leben führst. Manchmal vermisse ich das natürlich.
Wie oft seid ihr noch in Deutschland, und fehlt euch etwas von dort?
Wir sind wahrscheinlich einmal im Jahr da. Letztes Jahr im August, September waren wir noch mal in Berlin, und für mich war das Thema damit irgendwie abgeschlossen. Ich weiß, viele Frauen hier auf Zypern würden sich wünschen, dass endlich ein Drogeriemarkt aufmacht, das ist das, was die meisten vermissen – so etwas kennt man hier nicht, es gibt entweder Supermarkt oder Apotheke. Ich bin eher an anderen Ländern interessiert. Für mich ist es nicht dieses Zurückgucken, was ich aus meiner Vergangenheit vermisse, sondern eher: Was möchte ich in Zukunft erleben? Das finde ich als Gedanken spannender. Wir bestellen mittlerweile auch relativ wenig aus Deutschland.
Was würdest du Menschen sagen, die gerade über das Auswandern nachdenken?
Wenn du mit deinem Business in Deutschland nicht klarkommst und sagst, ich zahle zu viel Steuern und deswegen funktioniert es nicht, oder wenn du persönlich nicht klarkommst, weil hier so viele schreckliche Menschen um dich herum sind – dann wird Auswandern dir nicht helfen. Das löst du nicht mit Auswandern, diese Probleme musst du vorher bewältigen. Ein Geschäftsmodell wird an einem anderen Ort nicht besser funktionieren, nur weil du eventuell weniger Steuern zahlst. Und persönlich wirst du dich auch nicht anders entwickeln, du wirst wieder zwischen Leuten sein, von denen du sagst, die sind alle doof. Oder wenn du in Deutschland über die vielen Ausländer klagst: Anteilsmäßig hat Zypern in Europa die meisten Zuwanderer, die Anzahl an Flüchtlingen pro Einwohner ist die höchste in Europa. Dann bist du hier im falschen Land.
Gibt es etwas, das du gern früher gewusst hättest?
Ich glaube, es hätte nichts geändert. Der Weg hätte sich dadurch nicht verändert, und die Probleme, auf die man stößt, hat man an jedem Ort. Egal ob du nach Südafrika gehst: Du bist Expat, du bist kein Einheimischer, und du wirst auch immer so wahrgenommen. Du hast dann diese Zweiklassengesellschaft. Man weiß: Das ist ein Expat, der kommt aus einem anderen Land, der hat Geld, also nehme ich von dem mehr Geld als von meinem Nachbarn. Damit muss man klarkommen, das muss man akzeptieren. Sich hinzustellen und zu sagen, das ist doof, bringt keinen weiter. Das hätte ich damals nicht so eingeschätzt, ich habe es dann kennengelernt und muss sagen: Da kommen wir nicht drum rum, und es ist egal, wo ich hingehe. Du lernst mit der Zeit, viele Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. Nicht immer gucken, was böse und schlecht ist, sondern gucken, was schön und gut ist.
Was macht für dich den Reiz aus, in einem anderen Land zu leben?
Das Spannende ist das Horizonterweitern. Zu verstehen, dass es da draußen in anderen Ländern Menschen gibt, die anders denken, als ich es gelernt habe, die andere Perspektiven auf Dinge haben. Und daran zu partizipieren: Warum funktioniert das für die so, und ist das vielleicht leichter als das, was ich gelernt habe? Mein Lieblingsbeispiel aus Zypern ist die Jagd. Hier wird gerne gejagt, die Männer fahren mit Pickups raus, mit großen Gewehren, in Militärmontur, und du denkst, meine Güte, was ist das für eine Großwildjagd. Und die jagen Vögel. In dieser Zeit sind die Straßenränder voller leerer Patronenhülsen und Wasserflaschen. Dann kommt ein Deutscher und fragt, warum der ganze Müll da rumliegt, und der Zypriot sagt: Das ist kein Müll, das sind leere Patronenhülsen und leere Flaschen. Weil er es für sich nicht als Müll definiert. Das ist total spannend zu sehen. So wird die EU nie zu einem Schluss kommen, weil alle unterschiedliche Sprachen sprechen und unterschiedliche Perspektiven haben – im Negativen wie im Positiven. Zu verstehen, dass Menschen das einfach so sehen, dass das für die in Ordnung ist, dass das ihre Welt ist. Und dann zu fragen: Was passiert, wenn ich das so annehme? Was verändert das bei mir?
Beim Müll gibt es unter Zugezogenen aber auch Initiativen, oder?
Dafür sind die deutschen Auswanderer da. Die bilden dann Müllsammelgruppen, um den Zyprioten beizubringen, wie man mit Tieren und mit Müll umgeht. Das macht ja auch oft Sinn. Wir haben hier auf Zypern das Problem, dass wir am Ende dieses Mittelmeers liegen. Was im Meer treibt, wird irgendwann hier angeschwemmt, und gerade beim Plastikmüll macht sich das extrem bemerkbar. Das ist nicht Müll, der hier produziert und an den Strand geworfen wird, der sammelt sich hier an, weil das das Ende dieses Meeres ist. Natürlich macht es Sinn, sich darum zu kümmern und zu schauen, was die Regierung und die Hotels tun können. Aber es ist hier ein viel langsamerer Prozess.
Ihr seid mit einem 40-Fuß-Container umgezogen. Was hat das gekostet?
Viele wandern hier mit einem Koffer aus und kommen mit einem Koffer her, oder mit sehr wenig. Wir sind tatsächlich mit einem 40-Fuß-Container ausgewandert. Das heißt eben auch Gitarren, die alle ein Hardcase brauchen zum Umziehen – ich brauche jetzt immer eine Wohnung, in der ich elf Hardcases unterbringen kann. Gemacht hat es eines der größeren Berliner Umzugsunternehmen, das war für uns der günstigste Anbieter, und es hat 2021 ungefähr 10.000 Euro gekostet. Das ist mittlerweile günstig, ich glaube, heute zahlst du knapp 20.000. Deswegen kommen wir hier auch nicht mehr weg, das ist jetzt alles hier.
Linksverkehr – ein Hindernis?
Wir fahren hier links, und ich würde mittlerweile sagen: auf der richtigen Seite. Ich finde es viel logischer, weil ich immer zu meiner Rechten fahre – jeder Kreisverkehr, jedes Abbiegen in einen Parkplatz, alles zu meiner rechten Seite. Für alle, die Angst vor Linksverkehr haben: Das dauert 30 Minuten. Das letzte Problem, das du noch ein paar Tage hast, ist, wenn dir zwei Autos entgegenkommen, weil einer den anderen überholt, und du nicht weißt, wer von beiden auf der richtigen Spur ist. Alles andere geht relativ schnell und einfach.
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