Matthias lebt seit 2021 zum Teil in Kolumbien

Matthias · seit 2021, mittlerweile im sechsten Jahr · Kolumbien

Für immer

Gespräch vom 27. Oktober 2026

Matthias, 62, stammt aus dem Siegerland und hat viele Jahre in Köln gelebt und gearbeitet. Aktuell pendelt er zwischen beiden Welten: In Köln wickelt er noch eine Firma ab, in Kolumbien hat er investiert und ist dort verheiratet. Er wohnt mit seiner Familie in einer gesicherten Wohnanlage in einem kleinen Städtchen, hat dort gerade den kolumbianischen Führerschein auf Spanisch gemacht und beschreibt sich selbst als Bauchmensch, der nach fast 40 Jahren Selbstständigkeit lieber nach Lösungen sucht als nach Problemen.

Wie bist du überhaupt auf Kolumbien gekommen?

Durch Zufall – Corona sei Dank. Große Langeweile, also habe ich wieder angefangen, Spanisch zu lernen, vier Monate lang über eine App. Dann wollte ich es auch anwenden. Über einen Bekannten bin ich an eine Kolumbianerin geraten, die sagte: Mensch, es gibt doch auch kolumbianische Gruppen hier in Deutschland und in Köln. Gesagt, getan – und dabei bin ich bei Facebook über meine heutige Frau gestolpert und habe Kontakt aufgenommen. Nachdem ich gesundheitlich noch ein paar gelbe Karten bekommen hatte, bin ich im Dezember 2020 nach Kolumbien geflogen.

Dezember 2020 war Hochzeit der Reisebeschränkungen. Wie lief die Einreise?

Reisebeschränkungen, Quarantäne – ich hatte ein sehr gutes Reisebüro, das mich vor Schlimmerem bewahrt hat. Ich wäre über Miami eingereist und dort steckengeblieben. So bin ich direkt von Frankfurt nach Bogotá geflogen, das war unproblematisch. Zehn Minuten nach dem Start saß ich allerdings da und dachte: Was machst du hier? Du sprichst kaum Spanisch. Kolumbien war ja so ein Thema – alles böse, alles dunkel. Es war die beste Entscheidung.

Warst du voreingenommen?

Nein, ganz im Gegenteil, ich war eher unvoreingenommen. Ich bin ein Bauchmensch. Wenn ich ein gutes Gefühl habe, mache ich etwas. Andere wollen immer nur etwas machen und machen es am Ende doch nicht, weil sie immer nur die Probleme sehen. Ich suche nach fast 40 Jahren Selbstständigkeit immer die Möglichkeiten und die Lösungen, und dann mache ich es einfach. Denn erst hinterher kann ich wissen, ob es richtig war oder nicht.

Was hat dich auf dieser ersten Reise am meisten beeindruckt?

Es waren nur sechs Tage, sehr sportlich für so eine Reise, aber sehr schöne sechs Tage. Ich habe das kleine Städtchen kennengelernt, die Familie, die Gastfreundschaft, die Menschlichkeit. Ich habe sofort gemerkt: Das ist nicht nur ein Klima mit Sonne und hoher Luftfeuchtigkeit, sondern auch ein anderes, freundliches menschliches Klima. Von diesem Menschenschlag könnten wir uns einiges abschauen – einfach auch mal zufrieden sein mit dem, was man hat und erreicht hat, statt immer höher und schneller. Es gab mal einen tollen Menschen auf einer Bühne, der sagte: Die Menschen verschulden sich, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die sie nicht leiden können. Morgens aufzuwachen, gesund zu sein, arbeiten gehen zu können – das ist eigentlich der größte Reichtum.

Welches Land passt zu dir?

Der Kompass zeigt es dir in wenigen Minuten.

Aus der Reise wurde schnell eine Investition. Wie kam das?

Überall waren Neubauten, 'se vende, se vende'. Wir haben dann auch mal einen Makler angerufen, und als ich die Preise gesehen habe, dachte ich: Das ist ideal, wenn du hier etwas investieren willst. Zu leben war zuerst gar nicht primär der Punkt, eher sich etwas aufzubauen, sei es zur Vermietung oder wie auch immer. Man wollte sofort ein Kaufversprechen haben, das ging natürlich nicht, ich hatte noch kein Konto und rechtlich keine Sicherheit. Also bin ich erst wieder nach Hause geflogen. Im Februar 2021 habe ich mich dann mit entsprechenden Institutionen vor Ort und mit deutschsprachigen Juristen kurzgeschlossen, die haben alles geprüft – und im April 2021 habe ich tatsächlich investiert.

Wie hängt die Investition mit deinem Visum zusammen?

Die Investitionssumme lag damals bei 650 Mindestlöhnen, das waren zu dem Zeitpunkt ungefähr 95.000 Euro. Damit konnte man ein Investorenvisum beantragen. Das hieß erst einmal zwei Jahre, 2024 wurde es bis 2027 verlängert, und gerade letzte Woche habe ich mein neues Visum bis 2029 bekommen. Noch kein unbefristetes – man muss fünf Jahre Visumsinhaber sein, um eine permanente Residenz zu bekommen oder eben für mich auch ein Rentnervisum. Ich hätte auch den Umweg über ein Ehevisum gehen können, wir sind ja verheiratet. Aber das hängt immer von anderen Umständen ab: Scheidung, Todesfall, was auch immer – so ein Ehevisum ist immer ein bisschen in Gefahr. Ich bin sehr gerne autark. Der Werdegang ist: erst über die Zentralbank investieren, damit es ganz offiziell gelistet ist, mit Nachweisen – woher kommt das Geld, ist es versteuert, wovon lebst du, was machst du in Deutschland, was willst du hier machen. Und dann kann man den Antrag stellen.

Du hast auch den kolumbianischen Führerschein gemacht. Warum?

Den musste ich aufgrund meines Visums machen, weil du wie ein Kolumbianer behandelt wirst. Du darfst nicht mehr mit dem deutschen, europäischen oder internationalen Führerschein fahren. Das war mal vor zehn Jahren so, ist aber nicht mehr so. Gemacht habe ich ihn vor fünf, sechs Wochen, auf Spanisch. Darauf bin ich auch stolz: Die Kolumbianer machen den im Regelfall in drei Monaten, ich habe den Stoff in fünf Tagen gelernt.

Wie war es mit der Sprache?

Vorher überhaupt nichts, ich war total unvorbereitet. Vier Monate mit einer App gelernt, bevor ich das erste Mal rübergeflogen bin. Aber das kann man nicht mit einem Muttersprachler vergleichen, vor allem, wenn man die Sprache nicht anwendet, weil man nur mal eine halbe Stunde lernt und dann wieder im deutschen Umfeld ist. Das war schon schwer. Ich bin auch heute nicht perfekt, um Gottes willen. Aber wenn ich vier, fünf Wochen drüben bin, bin ich im Rhythmus drin, in der Melodie, dann fällt es leichter. Die Kolumbianer machen es einem sehr leicht. Wenn sie merken, der gibt sich Mühe, der will sich verständigen, der geht auf uns zu – dann kommen sie auf einen zu. Und wenn es gar nicht geht, gibt es den Google Translator.

Wie hast du vor Ort Anschluss gefunden?

Wir wohnen in einer gesicherten Wohnanlage, was nicht zwingend notwendig ist, ich fühle mich auch so sehr sicher. Das hat sich einfach so ergeben. Wir haben tolle Nachbarn: politische Ämter, ein Chirurg, ein Kardiologe, einer hat Supermercados in Medellín. Freitag und Samstag sitzen wir zusammen, trinken unser Bierchen oder auch mal Rum und erzählen, was es Neues gibt und was wir noch vorhaben. Unter der Woche siehst du dort niemanden Alkohol trinken, die sind alle sehr busy. Man trifft sich morgens beim Laufen oder beim Spazierengehen mit dem Hund, tagsüber sind sie arbeiten, abends meistens fertig. Jetzt im Dezember wird es wieder schön: Acht, zehn Tage vor Heiligabend sitzen wir jeden Abend draußen zusammen. Eine ganz andere Geschichte als hier in Deutschland.

Wie ist das Essen – und wie steht es mit den Preisen?

Das kolumbianische Bier ist sehr süffig, kommt dem Kölsch ein bisschen nahe. Viele Kolumbianer trinken aber eher Whisky oder Rum. Beim Essen gibt es viel Reis, Hühnchen, Fleisch, Schweinefleisch, Suppen. Die Suppen sind sehr intensiv, sehr fettig, die vertrage ich nicht so gut, aber ansonsten komme ich super klar. Backbananen waren für mich zuerst gewöhnungsbedürftig, heute esse ich sie zum Frühstück. Das Preisverhältnis ist noch gut, wobei der Peso im Moment sehr stark wird. Ich habe heute nachgesehen: ein Euro, 3.400 Peso. In für mich guten Zeiten habe ich noch für 4.600, 4.700 Peso gewechselt. Der Peso wird stärker, der Euro schwächer. Mal sehen, ob sich das nochmal ändert.

Kolumbien hat in Deutschland einen bestimmten Ruf. Wie erlebst du das Thema Sicherheit?

Kolumbien ist derzeit noch nicht das Auswanderungsland, das die Menschen auf dem Radar haben. Da sind Paraguay, Uruguay, Brasilien oder die USA viel stärker. Wenn die Leute Kolumbien hören, kommt als Erstes Escobar, Drogen, alles gefährlich. Dem ist überhaupt nicht so. Es gibt selbstverständlich Kriminalität, das wird niemand wegdiskutieren. Aber der Staat ist bemüht aufzuräumen, und das gelingt stellenweise sehr gut. Bei uns fühle ich mich überhaupt nicht unsicher. Und selbst in Santa Marta oder Cartagena, das wirklich eine Perle ist, kann ich mit einer vernünftigen Uhr nach draußen gehen, ohne dass mir einer aufs Handgelenk schaut. Es ist weitaus sicherer, als es hier immer dargestellt wird.

Was zeigt das Land landschaftlich?

Vom tropisch Warmen bis zu mitteleuropäischen Temperaturen, wenn man Bogotá und Medellín als Beispiele nimmt, und dann die Küste, wo wir eher bei 30, 32 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit und mehr sind. Es ist für alle etwas da. Man kann bergsteigen, es gibt das Kaffeedreieck mit den Wachspalmen. Dort habe ich im April zum ersten Mal in meinen 62 Jahren live Kondore gesehen – riesige Andenvögel mit teilweise 3,50 Meter Spannweite. Da bekommst du wirklich Gänsehaut. Das ist touristisch, aber eher kolumbianisch touristisch. Hier schlagen sie überall die Preise auf, dort kann man zu zivilen Preisen essen und trinken, und die Eintrittspreise sind auch zivil. Das Land bietet so viele Möglichkeiten und ist trotz des starken Pesos noch bezahlbar.

Vermisst du etwas aus Deutschland?

Da reihe ich mich bei vielen Auswanderern ein: ein schönes Brot, Wurstwaren. Wobei ich mittlerweile gute Adressen in Medellín habe. Da ist ein deutscher Auswanderer aus Düren, der nach deutschen Rezepten Würste machen lässt, auch Schwarzbrot und Mischbrot, das kann man online bestellen. Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich vermisse nichts. Kolumbien hat sogar etwas Kölsches – du stehst irgendwo und kommst sofort mit jemandem ins Gespräch, du trinkst was, du isst was. Eine gewisse Oberflächlichkeit ist auch dabei, aber das bin ich gewohnt. Was ich auf gar keinen Fall vermisse, ist, dass die Menschen hier immer über alles meckern und so unzufrieden sind. Nicht alle, um Gottes willen, aber doch sehr viele. Seid doch stolz auf das, was ihr geschafft habt. Und wenn es nicht reicht, dann verändert euch, dann macht doch was. Es sind zu viele Woller unterwegs und zu wenig Macher.

Was würdest du Menschen sagen, die seit Langem über das Auswandern nachdenken, es aber nicht angehen?

Als allererstes: an sich selber glauben. Wer nicht an sich glaubt, kann auch niemanden davon überzeugen, an ihn zu glauben. Es gibt auch nicht das beste Auswanderungsland, das gibt es nicht. Deutschland ist meines Erachtens trotz aller Probleme immer noch ein gutes Land. Wenn ich ins Ausland gehe, egal wohin, werde ich immer Dinge vermissen, die ich gewohnt bin. Dafür bin ich Deutscher und werde auch immer Deutscher bleiben, das muss mir bewusst sein. Wenn ich mich verändern will, sollte ich erst einmal sondieren, welche Kultur mir am nächsten ist. Mir ist die christliche Kultur näher als die asiatische oder meinetwegen Dubai. Dann muss ich aus meiner Komfortzone heraus und den ersten Schritt machen: die Sprache, zumindest ansatzweise. Und hinfliegen, sich das anschauen, zwei Wochen, wenn es beruflich und finanziell geht auch drei. Es gibt heute so viele Plattformen, auf denen man sich Informationen holen kann. Man muss es einfach nur machen. Wenn man wieder Höhe gewinnen will, muss man auch mal Ballast vom Ballon abwerfen. Das sehe ich in allen Gesprächen, die ich bisher geführt habe: Die Menschen wollen eine Veränderung, aber viele glauben, das müsste vom Himmel regnen. Dafür muss man etwas tun, dafür muss man sich auch mal einen blauen Fleck oder zwei abholen. Ohne diesen Willen zur Veränderung und ohne den Glauben an sich selbst funktioniert keine Auswanderung – dann bleibt man besser in dem Land, in dem man ist.

Du denkst über den Schritt nach?