
Alexandra lebt seit 2019 mit ihrer Familie auf den Lofoten in Norwegen
Gespräch vom 26. Oktober 2026
Alexandra ist gebürtige Münchnerin und zog 2019 mit ihrem damaligen Mann und den beiden Kindern auf die Lofoten, eine Inselgruppe weit im Norden Norwegens. Sie lebt in der Nähe von Leknes in einer Gemeinde mit rund 3.500 Einwohnern, zusammen mit ihren Hunden, die sich gelegentlich auch in Videogespräche einmischen. Gelernt hat sie Sozialversicherungsfachangestellte, heute arbeitet sie im Sommer mit Touristen und im Winter in der Touristeninformation. Ihre Kinder sprechen inzwischen Norwegisch wie eine Muttersprache.
Was hat den Ausschlag gegeben, München zu verlassen?
Das ist eine persönliche Geschichte. Ich habe meinen Vater bis in den Tod begleitet, und auf den letzten Metern hat er mir gesagt, was er im Leben bereut hat: dass er nie ins Ausland gegangen ist zum Arbeiten, weil er Angst hatte. Ich habe mir damals geschworen, das passiert mir nicht. Und dann kam ein Zufall nach dem anderen. Ich habe das Haus, in dem wir heute leben, auf Immoscout gefunden und wollte es unbedingt haben. 2018 haben wir es gekauft und dann festgestellt, dass es als Ferienhaus einfach zu weit weg ist. Also haben wir beschlossen, wir verkaufen alles in München und wandern aus.
Warum ausgerechnet Norwegen?
Das kann ich gar nicht richtig beantworten. Es war schon immer Norwegen. Dabei war ich das erste Mal mit über 30 dort im Urlaub, mit dem Camper, und nicht einmal in Nordnorwegen, sondern im Süden. Aber Norwegen hat mich immer fasziniert, nicht nur das System, auch die Landschaft und alles drum herum. Auf den Lofoten war ich vor der Auswanderung nie.



Wie liefen die Monate zwischen Entschluss und Abflug?
Den Entschluss haben wir 2018 gefasst, und in dem Jahr hat sich dann viel ergeben. Wir hatten eine Firma in Deutschland, für die haben wir einen Nachfolger gefunden. Wir haben unser Werkstattgebäude verkauft, die Wohnung verkauft und sind im März 2019 ausgewandert. Beim Hauskauf selbst gab es keine Hürden, Norwegen ist zwar nicht EU, aber im EWR-Raum, und als Deutscher darf man dort ohne Probleme Eigentum erwerben. Man beantragt eine ID-Nummer, die braucht man in jedem Fall. Bei uns war ja klar, dass wir permanent dort leben wollen, also haben wir gleich die Personennummer beantragt.
Ihre Kinder waren sechs und neun. Wie kamen sie in der Schule an?
Wenn man aus dem Ausland kommt, ist die Schule verpflichtet, die Integration zu gewährleisten. Wir sind hier eine kleine Gemeinde, die Schule hat 156 Schüler, die Klassen haben neun oder zehn Kinder. Meine beiden haben extra einen Lehrer zur Verfügung gestellt bekommen: Während die anderen Englischunterricht hatten, hatten meine Kinder Norwegischunterricht. Das hat alles die Schulleitung organisiert. Und es gibt keinen Leistungsdruck. Den Kindern wird nicht vermittelt, dass sie irgendwo hinten nachstehen, sondern jeder lernt so, wie es seine Persönlichkeit vorgibt. Heute sprechen sie Norwegisch wie eine Muttersprache.
Selbst den Schritt nach Norwegen im Kopf?
Der Guide erklärt Visum, Kosten und die ersten Schritte.
Und wie haben Sie selbst die Sprache gelernt?
Bei uns war der Hintergrund ein bisschen anders, wir haben die ersten zwei Jahre gar nicht gearbeitet. Mit dem Arbeiten habe ich erst angefangen, nachdem wir uns getrennt hatten. Norwegisch haben wir praktisch nebenbei gelernt. Wenn man Kinder hat, hat man automatisch Kontakt mit dem ganzen Schulsystem. Man lernt, indem man es praktiziert. Trauen muss man sich allerdings. Der Norweger verzeiht dir die Fehler, aber er möchte sehen, dass du bemüht bist, die Sprache zu lernen. Das ist einfach Integration.
Was machen Sie heute beruflich, und wie sehen Sie den Tourismus auf den Lofoten?
Ich bin gelernte Sozialversicherungsfachangestellte, diesen Beruf gibt es hier oben überhaupt nicht. Ich habe mehrere Jobs: Im Sommer mache ich viel mit Touristen als Tourguide, auch die Kreuzfahrttouristen werden mehr, im Winter arbeite ich in der Touristeninformation. Kommunal geht es meiner Meinung nach in eine falsche Richtung. Die Kommune sieht nur das Geld, aber wir haben nicht die entsprechende Infrastruktur. Die Probleme werden dann auf die Lokalbevölkerung umgelegt. Man möchte Hotels bauen, aber wir haben nicht das Straßennetz dafür, die Häfen sind nicht dafür ausgelegt, die Stadt auch nicht. Ich wohne in der Nähe von Leknes, wir haben 3.500 Einwohner. Die Wohnmobilsaison geht von Mitte Mai bis maximal Mitte August, dieses Jahr hatten wir einen sehr schlechten Sommer, das hat zu einem Einbruch geführt. Von Übertourismus würde ich trotzdem nicht sprechen. Ich kann auch im Hochsommer noch allein auf den Berg gehen, und solange das machbar ist, brauchen wir darüber nicht zu reden. Man müsste es nur anders aufstellen, man braucht eine andere Art von Tourismus.


Sie waren dieses Jahr nach acht Jahren wieder in Deutschland. Was ist Ihnen aufgefallen?
Für mich ist die Entscheidung seitdem ganz klar: Ich gehe nicht mehr zurück nach Deutschland. Da sind einfach wahnsinnig viele Faktoren. Die Menschenmassen zum einen. Dann ist in Deutschland alles auf Konsum ausgerichtet. Und ich bewege mich lieber in der Natur als zwischen Betonbauten. Es gibt ganz viele Dinge, die für mich nicht für Deutschland sprechen, aber ich denke, da hat jeder seine eigenen Erfahrungen und seine eigenen Werte, warum er in ein anderes Land geht.
Gibt es etwas, dass du vermisst?
Nein, nichts. Wir haben hier einen sehr guten Bäcker, der macht Sauerteigbrot. Selbst Brezen kann ich im Supermarkt kaufen, die kommen aus Polen und sind ganz okay. Sogar Paulaner Bier bekomme ich, wenn ich eins haben wollte.
Wie isst man bei euch?
Die norwegische Küche ist nicht so toll, Norwegen war ja nicht immer so reich, wie es heute ist. Die Küche ist sehr ursprünglich geblieben und in der Zubereitung einfach gehalten. Es wird viel Kartoffel gegessen, die wachsen sogar bei uns hier oben. Fisch natürlich, in allen Variationen. Fleisch eher weniger, Schweinefleisch gibt es wenig, dafür mehr Schaf. Schaf ist lecker, es sind ja nicht die alten Böcke, die geschlachtet werden. Eigentlich ist es ein Weihnachtsessen, es gibt es danach auch gesalzen mit Kartoffeln und Kraut. Das sind einfach traditionelle Gerichte. Auch die Esskultur ist anders: Dass man oft essen geht, das macht der Norweger nicht. Man geht essen, wenn ein besonderer Tag ist, bleibt zum Essen, ratscht ein bisschen und geht wieder. Man hält sich nicht stundenlang in einer Lokalität auf.
Wie sieht Weihnachten dort oben aus?
Weihnachtsmärkte, wie wir sie kennen, mit Lichtern, Musik und Glühwein, gibt es bei uns überhaupt nicht. Alkohol darf gar nicht ausgeschenkt werden ohne Lizenz, und sobald Kinder in der Nähe sind, bekommst du gar keine Lizenz. Der Norweger trinkt auch nicht auf der Straße. Wir haben stattdessen Weihnachtsbasare, wo man Kunsthandwerk kaufen kann, in Verbindung mit Ausstellungen oder Cafés. In Oslo gibt es etwas Ähnliches wie bei uns, aber da müsste ich hinfliegen. In Tromsø gibt es auch so etwas, mit Riesenrad und kleinen Festivitäten, aber vergleichbar ist das nicht. Ich vermisse es nicht: In München ist es ja auch kein Kunsthandwerk mehr, da wird chinesische Ware angeboten, es ist wahnsinnig voll und wahnsinnig überteuert. Weihnachten ist hier das Fest der Familie. Da passiert gefühlt gar nichts, die Zeit läuft noch langsamer. Wir haben dann auch die dunkle Jahreszeit, sechs Wochen lang nur Dämmerlicht, da fährt einfach alles runter.
Wie teuer ist das Leben auf den Lofoten?
Grundsätzlich ähnlich wie in Deutschland, aber es kommt sehr darauf an, wo man lebt. In einer großen Stadt wie Tromsø ist es gut und gern vergleichbar mit München. Hier auf den Lofoten sind die Mieten noch billiger und der Strom ist noch kostengünstiger. Was bei uns zu Buche schlägt, sind die Lebensmittel, weil das meiste hierher gebracht werden muss. Dazu kommt die Zuckersteuer: Wer Limonade und solche Sachen bevorzugt, bei dem geht das wahnsinnig ins Geld.
Wie haben Sie Anschluss gefunden?
Das Wichtigste ist von Anfang an, dass man versucht, dabei zu sein. Mit Kindern ist es leichter, weil man automatisch über die Schule mit dabei ist. Auch wenn du noch nicht gut Norwegisch kannst, gehst du zu den Besprechungen. Du musst einfach präsent sein, alles andere entwickelt sich. Extrem wichtig finde ich Vereine, Sport oder Chor, irgendetwas, das mit den eigenen Interessen zu tun hat. Einfach die Gemeinschaft suchen, dann funktioniert das. Für die Kinder war es überhaupt kein Problem, sie waren sofort im Klassenverbund, und da überwiegt die Neugier: Wer kommt da, woher kommst du. Diese natürliche Neugier wird hier oben noch praktiziert. Du bist nicht der Ausländer, sondern einfach ein Mensch, der jetzt hier lebt und in die Gemeinschaft integriert wird. Das gilt auch für die Sprache. Aus Deutschland kenne ich das anders, da denkt man schnell, kann der nicht Deutsch lernen. Ich bin heilfroh, dass sie hier oben nicht so denken, denn in dem Fall wäre ich diejenige, die so behandelt würde. Mir war wichtig, dass meine Kinder nicht nur Deutschland kennen, sondern Weltbürger werden und nicht auf ein Land beschränkt sind. Die Leute hier sind schon ein bisschen kühler und reservierter, aber nicht weniger herzlich. Und wir Münchner sind ja auch nicht besser, von der Art her passt das wunderbar.
Was wird dort gespielt und getrieben?
Handball, ganz klar, und danach würde ich sagen Fußball. Und natürlich alles, was mit Ski zu tun hat, Biathlon und so weiter. Da sind sie führend, das liegt einfach daran, dass die Kinder schon im Kindergarten auf Ski stehen. In den unteren Klassen geht es bei Turnieren noch gar nicht um Platzierungen, sondern um den Spaß an der Bewegung. Fair Play und das Miteinander werden stark gefördert, da wird keiner ausgegrenzt. Selbst wenn du nicht gut bist, darfst du mitspielen. Überhaupt bestimmt hier oben das Wetter ziemlich viel. Wir sind jetzt im Oktober schon im Winter, im Moment haben wir keinen Schnee, dafür sämtliche anderen Wetterkapriolen. Das muss man immer berücksichtigen.
Was raten Sie Menschen, die auswandern möchten, aber Angst davor haben?
Ich glaube, das ist eine ganz individuelle Geschichte, aber mein Motto war immer: Was kann im schlimmsten Fall passieren? Was ich persönlich nicht machen würde, wäre blauäugig und ohne Geld irgendwo hinzugehen. Die Geldfrage ist eigentlich das, womit du alles lösen kannst. Wenn du keinen Job und kein Geld hast und dann irgendwo hingehst, hast du immer die Belastung: Schaffe ich das finanziell überhaupt? Für eine Einzelperson mag das wunderbar funktionieren, da kommt man schon irgendwie durch. Aber als Familie würde ich nie ohne finanziellen Hintergrund auswandern.
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