
Marco lebt seit drei Jahren in Florianópolis, Brasilien
Gespräch vom 27. Oktober 2026
Marco ist 32 und lebt seit Oktober vor drei Jahren in Florianópolis im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina. Geboren wurde er in São Paulo – sein Vater stammt aus der Nähe von Stuttgart, seine Mutter aus Brasilien –, doch als Neugeborener kam er nach Deutschland: erst Heidelberg, ab drei Jahren Leipzig, wo er über 20 Jahre lebte. Dazwischen Stationen in Baden-Württemberg und Bayern. Er hat die deutsche und die brasilianische Staatsbürgerschaft, ist mit Deutsch, Portugiesisch und Englisch aufgewachsen und arbeitet heute selbstständig von zu Hause aus. Die ersten anderthalb Jahre wohnte er bei seinen Eltern, die ebenfalls nach Florianópolis gezogen sind, seit anderthalb Jahren lebt er allein.
Du bist in São Paulo geboren und in Deutschland aufgewachsen. Wie kam es dann zum Umzug nach Florianópolis?
Mein Vater ist Deutscher aus der Nähe von Stuttgart, meine Mutter Brasilianerin, die mit circa 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert ist. Als die beiden geheiratet haben und meine Mutter schwanger wurde, war es meinem Vater wichtig, fließend Portugiesisch zu lernen. Deswegen haben sie eine Zeit lang in São Paulo gelebt – dort bin ich geboren, aber als Neugeborener kam ich schon nach Deutschland. Erst Heidelberg, mit drei Jahren nach Leipzig. Meine Eltern waren gerade mit dem Studium fertig, und viele haben nach dem Mauerfall im Osten Chancen gesehen, etwas aufzubauen. Diese Chance hat mein Vater auch gesehen und gegriffen. Ich habe über 20 Jahre in Leipzig gelebt, war mit 18 für die Ausbildung in Baden-Württemberg, habe in Stuttgart gearbeitet, bin wieder nach Leipzig zurück, weil ich mich dort nicht richtig zu Hause gefühlt habe, und zuletzt ein Jahr in Bayern. Mit 29 bin ich dann nach Brasilien ausgewandert, am 8. Oktober sind es drei Jahre geworden. Jetzt bin ich 32.
Warum ausgerechnet Santa Catarina und nicht São Paulo, wo es ja auch eine große deutsche Community gibt?
São Paulo ist für sehr viele interessant, aber für mich persönlich zu chaotisch. Eine Metropolregion mit über 20 Millionen Menschen – ein Viertel Deutschlands in einer Stadt. Das ist mir zu viel. Florianópolis kann man ganz gut mit Leipzig vergleichen, zumindest von der Größe: Leipzig hat 600.000 Einwohner, Florianópolis auch circa 600.000. Und Florianópolis ist die grünste Stadt, die ich in meinem Leben gesehen habe, überall Naturschutzgebiete. Die Luftqualität ist sehr gut, São Paulo hat wegen der vielen Autos und der Industrie eine deutlich schlechtere. Die Lebensqualität ist hier für mich viel höher. Das sind im Prinzip auch die Argumente, die meine Eltern hierhergezogen haben.
Du sagst, die Region eigne sich besonders fürs Auswandern. Was meinst du damit?
Santa Catarina ist einer der sichersten Bundesstaaten Brasiliens, wenn nicht der sicherste. Wir haben die niedrigste Armutsquote, die niedrigste Arbeitslosenquote und zusammen mit São Paulo die stärkste Wirtschaft. Es gibt unheimlich viele junge, motivierte Fachkräfte. Die Leute sprechen hier mehr Englisch und sogar mehr Deutsch als in anderen Regionen Brasiliens. Was viele nicht wissen: Brasilien hat eine starke deutsche Einwanderungsgeschichte, drei Millionen Menschen in Brasilien sprechen Deutsch. In der Nähe gibt es Städte wie Blumenau und Pomerode, wo bis heute an öffentlichen Schulen Deutsch unterrichtet wird. Blumenau wurde von einem Deutschen gegründet, Dr. Blumenau, und hat über 200.000 Einwohner. Pomerode nebenan hat circa 40.000 Einwohner und ist bis heute zu 90 Prozent deutscher Abstammung. Die deutsche Migrationsgeschichte existiert hier seit über 200 Jahren, und das merkt man überall.


Wie bist du selbst aufgenommen worden?
Ich bin hier unheimlich gut empfangen worden, so gut kann ich es mir nirgendwo sonst vorstellen. Ich werde hier als Gringo gesehen – die Leute merken an meiner Art und an meiner Aussprache, dass ich nicht in Brasilien aufgewachsen bin. Hier in Santa Catarina sind 80 Prozent aller Brasilianer europäischer Abstammung, in anderen Regionen sieht das ganz anders aus: In Bahia und Rio ist die afrikanische Abstammung viel stärker, in Nordbrasilien die indigene. Als Europäer fühlt man sich hier sehr willkommen, und wenn du Deutsch sprichst, bist du fast ein Held. Die Leute sagen dann oft, mein Opa spricht auch noch Deutsch, leider habe ich es nicht mehr gelernt, aber ich will es unbedingt nachholen und meinen Kindern beibringen. Ich habe viel Familie in Rio de Janeiro und war oft dort – da wird man auch herzlich empfangen, aber mit mehr Vorurteilen. In Rio denken die Leute schnell: Der ist Gringo, der ist reich. Hier im Süden gehen die Leute respektvoller und ehrlicher miteinander um.




Viele Auswanderer berichten, dass es schwer ist, Freunde zu finden. Wie war das bei dir?
Mir ist oft aufgefallen, dass sich Menschen, die ins Ausland gehen – nicht nur nach Brasilien, auch nach Portugal oder Spanien –, darüber beklagen, dass sie schwer Freundschaften schließen. Meiner Erfahrung nach liegt das oft an den Menschen selbst, weil sie schüchtern sind. Ich habe 29 Jahre in Deutschland gelebt, die Deutschen sind schon ein bisschen verschlossen und nicht so zugänglich. Wenn man diese Eigenschaft mit ins Ausland bringt, braucht man sich nicht zu wundern, dass es dauert. In Brasilien ist es wirklich nicht schwer, Freunde zu finden. Ich habe mich am Anfang hauptsächlich auf meine Familie und meine Ausbildung konzentriert, aber sobald ich mir etwas Mühe gegeben habe, lief das von allein. Einer meiner besten Freunde hier ist zum Beispiel mein Zahnarzt. Ich kenne auch Leute aus Europa, die kaum Portugiesisch sprechen und trotzdem sagen: Die Brasilianer müssen deine Sprache gar nicht können und sind trotzdem nett und versuchen, sich mit dir zu verständigen.
Wie läuft das mit Visum und Aufenthalt?
Brasilien ist da nicht so kompliziert, deutlich einfacher als Deutschland. Es gibt eine brasilianische Steuernummer für Ausländer, die CPF, die kannst du schon von Deutschland aus oder vor Ort beantragen und bekommst sie innerhalb weniger Tage. Damit kannst du Verträge schließen und Immobilien kaufen. Beim Visum gibt es mehrere Wege. Für viele ist das Investorenvisum über einen Immobilienkauf interessant: Man kauft eine Immobilie im Wert von einer Million Real, das sind circa 170.000 Euro, und bekommt direkt eine vierjährige Aufenthaltsgenehmigung, die danach zu einem permanenten Visum wird. Dann gibt es das Digital-Nomad-Visum, da muss man einen gewissen Betrag pro Monat aus dem Ausland verdienen und bekommt es für ein Jahr, mit Verlängerung. Es gibt Studentenvisa und ganz normale Arbeitsvisa, wenn man sich hier bewirbt. Florianópolis hat außerdem eine sehr große russischsprachige Community – wenn man in Brasilien ein Kind bekommt, hat man Anrecht auf ein permanentes Visum, und das nutzen vor allem die, die sich keine Immobilie für 170.000 Euro leisten können. Bei mir selbst war es einfach, ich habe den deutschen und den brasilianischen Pass.
Wie ist das Klima übers Jahr?
Die Winter hier sind nicht mit Deutschland zu vergleichen. Jetzt im Frühling haben wir schon 25 bis 30 Grad. Die Höchsttemperaturen liegen bei 38 Grad, und das sind wirklich nur wenige Tage im Jahr. Wir sind im subtropischen Klima, feucht, aber nicht so feucht wie das tropische Nordbrasilien, und es regnet etwas weniger als dort. Der Winter geht von Juni bis August, tagsüber haben wir dann um die 20 Grad, die niedrigsten Tagestemperaturen liegen bei circa 15 Grad, nachts bei circa 5 Grad. Richtung Inland wird es kälter, da kann es auch mal um die Null gehen, aber so, dass Schnee liegen bleibt, wird es nicht. In Florianópolis fällt nie Schnee. Fast das ganze Jahr haben wir angenehme 25 Grad.



Was vermisst du aus Deutschland?
Ehrlich gesagt sehr wenig: meine Familie, meine Freunde und die deutschen Autobahnen. Beim Brot zum Beispiel – das hört man ja oft – muss ich sagen: Wir haben hier super Bäckereien, du bekommst Brot in deutscher Qualität. Es gibt eine Bäckerei, die von einer Deutschen geführt wird, die ist mir nur etwas zu weit weg. Deswegen gehe ich meistens zu einer, die ein Franzose führt, und der verkauft sogar deutsches Brot. Das ist etwas Besonderes für Florianópolis, das findest du nicht überall in Brasilien. Hier findest du an jeder Ecke eine gute Bäckerei. Es gibt viel mehr Dinge, die ich neu entdeckt und in mein Leben integriert habe – manchmal wünschte ich sogar, ich wäre früher hierhergekommen.
Wie stark ist der deutsche Einfluss im Alltag spürbar?
Manchmal fühle ich mich an bestimmten Orten hier mehr wie in Deutschland als in Deutschland. In Pomerode siehst du wirklich nur Leute, die wie Deutsche aussehen. Die Menschen sind unheimlich stolz auf ihre Kultur, auch wenn die meisten teilweise gar kein Deutsch mehr sprechen. Das Oktoberfest in Blumenau ist das zweitgrößte der Welt und wird jedes Jahr größer, es kommen auch immer mehr deutsche Touristen. Ich war die letzten zwei Jahre dort, dieses Jahr habe ich es nicht geschafft. In Blumenau und Pomerode gibt es viele deutsche Restaurants, teilweise mit deutschen Köchen, deutsche Leberwurst, deutsches Bier, viele Brauereien. Volkswagen produziert seit den 60ern in Brasilien, man sieht hier noch ganz viele alte Käfer – es gibt mittlerweile Leute, die die nach Europa exportieren, weil sie dort deutlich teurer verkauft werden. Und es gibt sehr viel italienische Kultur, vor allem im Nachbarbundesstaat Rio Grande do Sul.
Und die brasilianische Küche?
Für mich absolut sensationell. Ich gehe fast jeden Tag in eines dieser Buffet-Restaurants, wo du für circa 5 Euro so viel essen kannst, wie du willst. In Florianópolis gibt es auch viele vegane Restaurants und Buffets, teilweise nur mit Bio-Essen – das ist für brasilianische Verhältnisse ungewöhnlich, die Brasilianer sind eher Fleischesser. Jeden Freitag ist bei mir um die Ecke an der Agrar-Universität ein Markt mit Bio-Obst und -Gemüse zu zugänglichen Preisen. Zuletzt hat das Kilo Bio-Bananen 5 Real gekostet, also weniger als ein Euro. Im Supermarkt zahlst du 7 Real, und das sind keine Bio-Bananen. Dass man hier günstig Bio bekommt, ist für Brasilien nicht typisch – in Rio ist so etwas deutlich teurer.
Du betonst, dass du nicht nur die schönen Seiten erzählen willst. Was sollte man wissen, bevor man kommt?
Man sollte sich gut vorbereiten. Man sollte vorher überlegen: Will ich hier im gleichen Beruf arbeiten, der vielleicht deutlich schlechter bezahlt wird als in Deutschland? Oder schule ich mich um, damit ich mehr verdienen und mir ein besseres Leben leisten kann? Wer aus Deutschland ein sehr gutes Leben gewohnt ist, sollte vorher schauen, wo er arbeitet und sich bewirbt. Und möglichst schon vorher Portugiesisch lernen. Es gibt Bereiche, in denen man sich auch ohne bewerben kann, die IT-Branche ist hier sehr groß, ich kenne viele Brasilianer in Florianópolis, die remote für amerikanische Firmen arbeiten. Aber es gibt eben auch Bereiche, die einfach nicht gut bezahlt sind. Meine Mutter ist Lehrerin, das war einer der Gründe für ihre Auswanderung, weil Lehrer in Deutschland heute fast nichts mehr verdienen und die Lebenskosten steigen. Aber ein Lehrer in Brasilien verdient auch nichts, das ist hier genauso unterbezahlt.
Du hast dich beruflich komplett umorientiert. Wie lief das?
In Deutschland habe ich eine Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement gemacht und im Exportvertrieb für Werkzeugmaschinen gearbeitet. Der Metall- und Maschinenbau ist in Deutschland sehr stark, aber in Florianópolis gibt es wenig Industrie – im Bundesstaat Santa Catarina schon, aber in anderen Städten. Hier habe ich gesehen, dass der Immobilienmarkt boomt und immer mehr Ausländer kommen. Weil ich Sprachen spreche, habe ich darin eine Chance gesehen: Die meisten Makler hier sprechen weder Deutsch noch Englisch, manchmal nicht einmal Spanisch, und wir haben viele argentinische und chilenische Investoren, viele aus den USA und aus Europa. Meine Deutschkenntnisse sind in Deutschland nichts wert, hier sind sie viel wert. In Brasilien braucht man die 11. und 12. Klasse für die Ausbildung als Immobilienmakler, also habe ich die erst auf der brasilianischen Abendschule nachgeholt, das hat anderthalb Jahre gedauert. Die Ausbildung selbst noch mal ungefähr ein Jahr. Den Schein habe ich seit Anfang dieses Jahres, ich bin also noch relativ am Anfang. Was mir auffällt: Man kann hier viele Dinge einführen, die in Deutschland Alltag sind und in Brasilien noch fehlen. Ich kenne zwei Deutsche, die mit Produkten aus Deutschland hierhergekommen sind, einer in der Batterieindustrie, einer im Industriebereich, und beide sind damit sehr erfolgreich geworden.
Was würdest du Menschen sagen, die mit dem Gedanken spielen, aber Angst davor haben?
Man sollte manchmal ein bisschen was riskieren und Mut fassen. Heute ist es deutlich einfacher auszuwandern, etwas auszuprobieren, vielleicht auch zu scheitern, es noch mal zu versuchen. Im schlimmsten Fall muss man wieder nach Hause. Stell dir die Leute früher vor, die ohne Internet und ohne Flugzeug mit dem Schiff hierhergekommen sind und sich im Urwald erst mal ein Haus bauen mussten. Das sind ganz andere Verhältnisse. Mir ging es ähnlich: Ich habe 29 Jahre in Deutschland gelebt, das war mein Zuhause, aber ich habe mich dort nie richtig zu Hause gefühlt. Und wenn ich in die Zukunft schaue, sieht sie für Deutschland nicht unbedingt rosig aus. Hier in Santa Catarina schauen die Leute seit 20, 30 Jahren nach vorne. Florianópolis war vor 20, 30 Jahren eine gefährlichere Stadt, heute ist sie mehr als doppelt so groß und sicherer geworden, mit höherer Lebensqualität und besserer Infrastruktur. Deswegen freuen sich die Leute hier mehr auf die Zukunft. Natürlich gibt es in jedem Land Armut und Menschen, die nie auf einen grünen Zweig kommen, das hat man überall. Aber wenn man sich ordentlich vorbereitet und eine gute Ausbildung hat, sollte man ruhig mal ein anderes Land probieren. Das muss nicht Brasilien sein.
Was hat sich für dich persönlich am meisten verändert?
Die Mentalität. Selbst wenn die Menschen hier zum größten Teil weniger verdienen, sind sie meiner Meinung nach viel glücklicher als in Deutschland. Das sehe ich im Alltag: Die Menschen sind enger mit ihren Familien, sie pflegen viel mehr Beziehungen. Dazu kommt das Klima – mehr Sonne, wärmer, das Meer, mehr Natur. Wenn ich etwas unternehmen will, muss ich kein Geld ausgeben für ein schönes Wochenende. Ich fahre einfach an den Strand oder mache eine Wanderung. Und es ist eben auch dieses Neue. Der Mensch will ja immer etwas Neues sehen und ausprobieren. Wenn alles immer gleich bleibt und nicht besser wird, sollte man sich überlegen, vielleicht mal woanders hinzugehen.
Du bekommst viel Besuch aus Deutschland. Was nimmst du daraus mit?
In den drei Jahren hatte ich schon circa zehn Freunde aus Deutschland zu Besuch, der nächste kommt Anfang November. Die meisten davon haben eine gute Ausbildung, verdienen gutes Geld – und überlegen sich alle ernsthaft, Deutschland zu verlassen. Es sind Leute ungefähr in meinem Alter, so um die 30. Man merkt einfach, dass die Unzufriedenheit gerade in dieser Altersgruppe immer stärker wird. Was ich wichtig finde: ehrlich bleiben. Ich erzähle niemandem eine rosige Geschichte. Wenn jemand sagt, er will hier als Lehrer anfangen oder in einem Bereich, wo es sich wirklich nicht lohnt, dann sage ich ihm das auch. Man sollte mit Leuten reden, die die Erfahrung selbst gemacht haben, und dann schauen, ob es sich lohnt oder nicht.
Du denkst über Brasilien nach?
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