Robert lebt seit einem Jahr in Cancún – dort, wo er geboren wurde

Robert · seit September 2024 · Cancún, Mexiko

Für immer

Gespräch vom 17. Oktober 2026

Robert, Jahrgang 1982, wurde in Mexico City geboren. Nach dem großen Erdbeben 1985 zog die Familie nach Deutschland, wo er insgesamt 27 Jahre lebte, überwiegend in Frankfurt. Mit 17 entschied er sich für vier Jahre bei der Bundeswehr, danach arbeitete er fast zwei Jahrzehnte in der Telekommunikationstechnik. Im September 2024 ging er mit seiner deutschen Frau, der 17-jährigen Tochter und dem sechsjährigen Sohn nach Cancún, wo er heute in der Touristikbranche arbeitet. Er wird demnächst 44.

Du bist in Mexiko geboren, in Deutschland aufgewachsen und jetzt wieder zurück. Wie kam diese Reihenfolge zustande?

Geboren bin ich 1982 in Mexico City, aufgezogen worden erst mal hier. Nach dem großen Erdbeben 1985 sind meine Familie und meine Patenonkel zurück nach Deutschland gegangen. Meine Patenonkel waren Mexikaner und mit deutschen Frauen verheiratet. Ich war etwa sechs, als ich nach Deutschland kam, habe das letzte halbe oder dreiviertel Jahr Kindergarten dort gemacht und bin dann eingeschult worden. Insgesamt 27 Jahre Deutschland, überwiegend Frankfurt. Mit 17 musste ich mich entscheiden: mexikanisches Militär oder deutsches. Weil alle Verwandten in Deutschland lebten, wurde es die Bundeswehr, vier Jahre, davon sechs Monate in Kabul. Im September 2024 bin ich dann mit der Familie nach Mexiko und lebe jetzt in Cancún.

Was hat den Ausschlag gegeben, dass ihr gegangen seid?

Mein Ziel war eigentlich, bis zur Rente zu warten und dann zurückzugehen. Aber eins war mir immer klar: Ich bin hier geboren, ich werde hier sterben. Dieses Land gibt einem anscheinend irgendein Gen mit. So viele, die in den USA sind, kommen wieder zurück, manchmal deportieren sie sich selbst – wie ein Nachbar von uns, ein guter Freund, der 2008 freiwillig zurückgekommen ist. Was mich in Deutschland zunehmend gestört hat, war die politische Entwicklung. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, ich weiß nicht, was für eine Agenda dahintersteckt, aber was Deutschland momentan betreibt, ist in meinen Augen pure Selbstvernichtung. Aber was willst du machen? Du bist ein normaler Mensch, gehst arbeiten, hast Familie und liest nur den Mist in den Nachrichten. Und dann kam meine Frau vor dreieinhalb Jahren von der Arbeit nach Hause und sagte: Wir müssen gehen, wir müssen weg. Ich sagte, wir sind doch gerade erst in die neue Wohnung in Frankfurt gezogen, wo willst du hin? Sie sagte: Nimm bitte die Kinder, geh mit ihnen ins Konsulat und mach ihre Pässe.

Wie lief das mit den Papieren – für die Kinder und für deine Frau?

Nach Artikel 30 der mexikanischen Verfassung ist jedes Kind, das von einem Mexikaner abstammt, automatisch in erster Linie Mexikaner. Für meine Frau war das der Jackpot, weil sie damit Mutter eines Mexikaners ist. Sie hat ohne Probleme das Visum für die permanente Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Sie kann ausreisen, wann sie will, und zurückkommen, wann sie will. Im Prinzip ist es wie ein mexikanischer Pass, nur ohne Wahlrecht. Sie darf arbeiten, sie ist beim Steueramt gemeldet, sie zahlt jeden Monat ihre Steuern. Überhaupt kein Problem. Für mich war immer klar, dass die deutsche Staatsbürgerschaft die zweite war – am 1. September 2025 habe ich sie abgegeben, den Pass beim Standesamt zurückgegeben.

Du sagst, die Menschen hier seien anders. Woran machst du das fest?

In Deutschland gehst du in den Supermarkt und siehst an der Kasse ziemlich deprimierte Gesichter, milde ausgedrückt. Die Leute sind frustriert. Ich habe das selbst erlebt: Bei der Bundeswehr bin ich freitags oft in Uniform mit dem Zug zurückgefahren, weil ich mich sonst nicht mehr rechtzeitig hätte umziehen können. Du willst gar nicht wissen, wie oft Leute am Frankfurter Bahnhof an mir vorbeigelaufen sind und mich als Kindermörder oder Nazi beschimpft haben. Nur wegen der Uniform. Und heute schreien zum Teil genau die nach einer Wehrpflicht. Streng genommen bin ich laut Statistischem Bundesamt übrigens Migrant – ich bin als Ausländer nach Deutschland gekommen. Auch bei den Kindern habe ich Unterschiede gemerkt: Ich hatte in Deutschland einige Auseinandersetzungen in der Schule meiner Tochter und im Kindergarten meines Sohnes. Hier ist es strenger. Die hauen die Kinder nicht, aber wenn ein Erzieher in Deutschland so wäre wie hier, würde mindestens die Hälfte der Eltern sofort zum Anwalt rennen. Helikoptereltern, hat meine Frau immer gesagt.

Selbst den Schritt nach Mexiko im Kopf?

Der Guide erklärt Visum, Kosten und die ersten Schritte.

Wie nimmst du die politische Lage in Mexiko wahr?

In Deutschland liegt die Zustimmung zum Kanzler unter zehn Prozent. Sheinbaum hat hier mittlerweile 76 Prozent Zustimmung erreicht. Das sind gigantische Unterschiede im Zuspruch des Volkes. Hier wird wirklich was für die Menschen gemacht, man merkt, es geht voran. Mexiko ist ein Land, das sich politisch ausschließlich auf Innenpolitik konzentriert. Was außen herum passiert, interessiert kaum. Man kann das egoistisch nennen, vielleicht ist es aber auch der richtige Weg. Was mich geärgert hat: Im Februar dieses Jahres hieß es fünf Tage lang in deutschen Zeitungen, Mexiko würde brennen, ein Land am Rande des Kollaps. Das stimmt nicht, es war ein Bundesstaat, und es war eine geplante Operation. Unser Sicherheitsminister hat einen Tag später vor der Presse die Verantwortung übernommen und gesagt, das war geplant, sie haben nur auf den richtigen Moment gewartet. Seit Februar sind die Kartelle ruhig. Neun Gefängnisse sind geplant. Es geht voran, nicht nur wirtschaftlich.

Wie ist es mit der Sprache – bei dir, deiner Frau und den Kindern?

Ich habe als Kind eher Spanisch wie ein Kleinkind gesprochen. Vor drei Jahren habe ich es aufgefrischt, einfach aus Spaß, wie ein Hobby. Abends nach der Arbeit, wenn die Kinder geschlafen haben, habe ich mich mit den Schulmaterialien meiner Tochter hingesetzt. Innerhalb von vier Monaten hatte ich alle sechs Jahre durchgearbeitet, danach noch ein Fernstudium in Spanisch gemacht. Hier in Yucatán sprechen die Leute ein komplett anderes Spanisch, das ist Wahnsinn. Argentinier sprechen anders als Mexikaner, Mexikaner anders als Paraguayer. Es ist eigentlich egal, wie du es redest, jeder versteht dich. Meine Frau lernt noch. Wenn ich in der Nähe bin, traut sie sich nicht zu sprechen, sie denkt wahrscheinlich, ich korrigiere sie. Meine Tochter versteht alles und könnte auch, aber in meiner Gegenwart spricht sie es nicht. Mein Sohn ist jetzt sechs: In der Schule spricht er Spanisch, zu Hause versucht er Deutsch, wobei sein Deutsch immer schlechter wird. Manchmal sage ich, probier es bitte auf Spanisch oder Englisch. Mittlerweile spricht er besser Englisch als Deutsch, weil wir viel Kontakt zu einer Familie haben, die zu Hause nur Englisch spricht. Kinder sprechen die Sprache, in der sie sich am komfortabelsten fühlen.

Was kosten Wohnen und Leben in Cancún im Vergleich zu Deutschland?

Wir zahlen hier umgerechnet 560 bis 580 Euro Miete im Monat für 85 Quadratmeter – das ist für mexikanische Verhältnisse sehr groß. Viele Wohnungen und Häuser sind relativ klein. Für 750 Euro, also etwa 14.000 bis 15.000 Pesos, bekämst du in einer Gated Community schon ein Reihenhaus. Und wenn du eine 150-Quadratmeter-Wohnung suchst, bist du bei 25.000 bis 30.000 Pesos, dann wohnst du wahrscheinlich schon in der Hotelzone mit Strandblick, da zahlst du gut 1.500 Euro. Kaution ist hier eine Monatsmiete, nicht drei. Benzin lag bei unserer Ankunft bei 24,80 Pesos, umgerechnet etwa 1,10 Euro pro Liter, heute bei 25. Für deutsche Verhältnisse billig, aber gemessen an den Einkommen hier ist Tanken teuer. Beim Essen muss man aufpassen, wo man einkauft. Hier in Cancún gibt es viele Importprodukte aus den USA, da greifst du schnell daneben und hast einen Käse für umgerechnet sechs Euro gekauft. Auf Märkten kann Einkaufen verdammt günstig sein. Für einen guten Käse zahlst du mindestens drei Euro umgerechnet.

Reicht ein Einkommen für eine Familie?

Nein. Wir schicken die Kinder nicht auf eine öffentliche Schule, bei uns um die Ecke ist eine private, eine sehr gute. Wenn man diesen Standard will, müssen beide arbeiten gehen. Es gibt noch viele Familien hier, wo die Mutter zu Hause ist, das funktioniert – aber dann gehen die Kinder auf eine öffentliche Schule, und mehr als überleben ist damit nicht drin. Sich mal extra etwas kaufen, das wäre nicht möglich. Das ist oft das Wunschdenken von Leuten: Ich gehe in dieses Land, da ist alles billig und einer arbeiten reicht. Nein. Wenn du ein halbwegs anständiges Leben willst, ein Auto vor der Tür, ist es wichtig, dass beide arbeiten. Das geht auch in Mexiko nicht mehr. Vielleicht irgendwo in einem Dorf, aber definitiv nicht in Orten wie Puerto Vallarta, Cancún oder Playa del Carmen. Dort sind Lebenshaltungskosten und besonders die Mieten extrem hoch.

Worauf sollte man bei der Wohnungssuche in Cancún achten?

Nicht die Kriminalität ist hier das Gefährliche, sondern die Infrastruktur. Cancún ist schnell gebaut worden, teilweise auch gepfuscht. Wenn du im Norden lebst, hast du in der Regenzeit überflutete Straßen – da kommt das Wasser aus den Gullideckeln hoch –, massiv viele Stromausfälle oder das Wasser kommt einfach nicht. Der Wasserversorger macht eigentlich gute Arbeit, aber die Stadt ist zu schnell gewachsen. Die haben das erst vor 15 Jahren übernommen, und die Stadt ist 50 Jahre alt. Teilweise wissen die gar nicht, wo die Rohre liegen – neulich haben sie einen ganzen Kreisverkehr aufgerissen, um eine Leitung zu suchen. Dafür zahlst du im Norden für ein Einfamilienhaus vielleicht 350 Euro im Monat, aber das hat dann seinen Grund. Cancún war bis Anfang 2025 noch unter den 15 gefährlichsten Städten Mexikos gelistet, mittlerweile ist es aus den Top 50 weltweit raus. Es ist wesentlich besser geworden. Es gibt immer noch Nachrichten, dass jemand erschossen wurde – aber was ist der Unterschied, ob du in Deutschland liest, dass jemand erstochen wurde? Wir wohnen in einer großen Nachbarschaft, auf einer Seite nicht mal mit richtigem Zaun, dahinter ist Urwald. Reine Gated Communities habe ich mir angeschaut, die gefielen mir nicht, da hast du das Gefühl, du bist im Knast. So gefährlich ist es hier nicht, dass du alle fünf Minuten überfallen wirst, das ist völliger Quatsch.

Du hast in Deutschland in der Telekommunikationstechnik gearbeitet. Wie bist du hier beruflich gelandet?

Nach der Bundeswehr war ich erst in einer Videothekenkette, die ist dann wegen Online-Streaming ausgestorben. Danach Verkauf, später fast 16 Jahre Technik im Kabelnetz, kurzzeitig Teamleiter, das war mir zu stressig, dann zurück als Techniker. Zuletzt war ich bei der Deutschen Telekom, habe Messbauführung gemacht, Gleichstrommessungen, Lehrgänge für Glasfaser. Ich kann buchstäblich jedes Kupfer- und Glasfaserkabel auf der Straße fixen und dir auf zehn Kilometern metergenau sagen, wo der Fehler ist. Hier habe ich zuerst bei den Providern geschaut, aber die hatten nur Technikerstellen für 14.000 Pesos brutto im Monat, umgerechnet etwa 750 Euro. Darauf hatte ich keine Lust. Dann habe ich gesehen, dass ein Reiseveranstalter lokal eine Stelle als Hotelrepräsentant ausgeschrieben hat: fließend Deutsch, Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, Wohnsitz in Cancún. Ich habe mich beworben und am 1. Dezember angefangen. Lustigerweise hatte ich vor drei Jahren im Urlaub in Spanien zu meiner Frau gesagt, ich fände es eigentlich cool, in so einem Hotel zu arbeiten. Sie hat gelacht und gesagt: Niemals, das kann ich mir nicht vorstellen.

Was ist der größte Unterschied zu deiner alten Arbeit?

Als Telekommunikationstechniker warst du der Troubleshooter. Du kommst jeden Tag zu Kunden, die schlecht gelaunt sind, weil du das erste Gesicht der Firma bist, die ihnen das Internet weggenommen hat. Du bist immer der Arsch und kriegst nur schlechte Laune ab. Hier ist es anders. Klar gibt es auch Beschwerden – mein Zimmer stinkt, mein Zimmer passt mir nicht –, aber das sind kleinere Dinge. Ich werde nächste Woche 44 und habe mir gesagt: Das kann ich bis zur Rente machen. Es ist interessant, immer wieder neue Leute kennenzulernen, man hat sehr interessante Gespräche, überwiegend mit Engländern hier. Und es ist abwechslungsreich: Eine Saison dauert fünf bis sechs Monate, dann wechselt man die Hotels.

Du bist viel in Mexiko herumgekommen. Welche Orte würdest du jemandem empfehlen, der ein, zwei Monate Zeit hat?

San Miguel de Allende, mehr im Zentrum Mexikos, eines der bekannten Magical Towns. Mexico City kannst du gleich zwei Wochen einplanen, manche sagen, selbst drei Monate reichen nicht, alles zu sehen – zu groß, zu gigantisch. Dazu Guadalajara, Puebla, Oaxaca. Und Monterrey: Wenn du wissen willst, wie LA aussehen sollte, ohne Drogensüchtige und Zombies auf der Straße, dann gehst du nach Monterrey. Die Stadt ist brutal sauber, das ist die Tech-Stadt. Ich war vor sieben Monaten da und mir ist die Kinnlade runtergefallen. Wären die Straßenschilder nicht auf Spanisch gewesen, ich hätte gedacht, ich bin in LA. Das ist das Besondere an Mexiko: diese brutalen Kontraste. Du bist in einer Stadt wie Monterrey, fährst drei Stunden in den Süden und bist plötzlich in einem Dorf, wo du denkst, du bist im 18. Jahrhundert gelandet. In Cancún ist es genauso: Du hast die Slums, dann die Hotelzone, dann Avenida Tulum und Bonampak, mega modern, und drei Straßen weiter sieht es wieder ganz anders aus. Wenn du nach Cancún kommst, kann dich das schocken, weil vieles relativ heruntergekommen aussieht. Es ist Karibik, und die Häuser verschimmeln von außen, das geht bei der Luftfeuchtigkeit schnell. Der Vorteil ist: Der Schimmel ist draußen und nicht drin. Ein Kollege hat es mal gut gesagt: Cancún ist speziell. Du liebst es oder du hasst es, etwas dazwischen gibt es nicht. Eine französische Kollegin ist nach einer Saison gegangen und hat gesagt, nie wieder Mexiko.

Wie seid ihr in den ersten Wochen zurechtgekommen und wie habt ihr Anschluss gefunden?

Wir haben unseren gesamten Haushalt aufgelöst und sind buchstäblich mit vier Koffern hierhergekommen. Am meisten leid getan hat mir mein Sohn, er musste als Kleiner am meisten aufgeben – seine Spielsachen, die ganze Umgebung. Ich hatte vorab ein Airbnb für zwei Monate gebucht, mehr zentral gelegen, und mir im Internet eine vertrauenswürdige Autovermietung gesucht. Das ist wichtig, denn als Ausländer kannst du hier sehr schnell auf die Schnauze fallen, es gibt viele Tricks. Die Vermietung wurde von einer Frau und ihrem Sohn geführt, die haben uns am Flughafen abgeholt, und wir hatten verdammtes Glück mit diesen Leuten. Die waren von Anfang an so freundlich, haben sich sofort in die Kinder verliebt, sie hat sich mit meiner Frau angefreundet und gesagt, ich helfe dir – und wollte gar nichts als Gegenleistung. Dann fragte der Sohn, ob wir schon etwas zum Wohnen hätten, er kenne jemanden, der eine Wohnung vermietet. Es stellte sich heraus, das war sein Vater. Der war unser Vermieter im ersten Jahr und einer der ehrlichsten Menschen, die ich hier kenne. Problem mit dem Boiler? Am nächsten Tag kam jemand. Problem mit dem Wasser? Sofort jemand geschickt. Bei der Wohnungsübergabe hat er mich direkt nach meiner Kontonummer gefragt und die Kaution noch am selben Tag überwiesen. So etwas habe ich in Deutschland nie erlebt – als wir ausgezogen sind, haben wir sechs Monate auf unsere Kaution gewartet, obwohl die Wohnung picobello übergeben worden war.

Wie reagieren die Leute vor Ort auf Zugezogene?

Die Einheimischen sprechen nicht viel Englisch. In der Hotelzone ist es anders, da können es viele aus der Schule – Englisch wird hier unterrichtet, aber überwiegend nur an den privaten Schulen. Oft wurden wir erst mal für Amerikaner gehalten, dann gehen die Leute auf Abstand. Das liegt auch am Verhalten mancher US-Amerikaner gegenüber Mexikanern, das sehe ich im Hotel oft, das ist teilweise sehr respektlos. Nicht alle, definitiv nicht. Europäer sind sehr respektvoll, und Mexikaner mögen Europäer, die sind offen und interessiert. Wenn ich sage, ich komme aus Deutschland, heißt es: okay, okay. Aber sobald ich erwähne, dass ich in Mexiko geboren bin und 30 Jahre in Deutschland gelebt habe, wurde ich jedes Mal behandelt wie ein verloren gegangener Sohn. Es gibt aber auch andere Momente: Meine Frau war mit meiner Tochter einkaufen, an den Kassen hilft hier immer jemand beim Einpacken, meist Rentner, die sich etwas dazuverdienen. Der Mann blieb sitzen, sie haben selbst eingepackt, und als sie vorbeigingen, sagte er auf Spanisch zu seinem Kumpel: Gringos helfe ich nicht. Meine Tochter hat es verstanden. Das passiert nicht oft, aber es kann passieren.

Gibt es etwas, worauf man sich als Zugezogener einstellen sollte, was man aus Europa nicht kennt?

Wenn sich hier ein Ausländer gegenüber einem Einheimischen daneben benimmt, hat er ein mächtiges Problem. Vor zwei Monaten ging ein Video viral: Ein mexikanischer Auslieferer wurde von einem Hund in die Wade gebissen, ist dem Hund gefolgt und hat nur nach dem Impfbüchlein gefragt. Der Hausbesitzer hat bestritten, einen Hund zu haben, und ihn dann vom Motorrad geschubst und geschlagen. Innerhalb einer halben Stunde waren mehrere Facebook-Gruppen aufgemacht, die Adresse geteilt, und am Nachmittag standen 300 Mexikaner vor seinem Haus. Die Polizei stand daneben und hat zugeschaut, erst als Steine flogen, ist sie eingeschritten. Es eskaliert nicht immer, aber die lassen der Wut erst mal freien Lauf. Es gibt auch die lustige Variante: Eine Amerikanerin hatte eine Villa am Strand in Playa del Carmen gekauft und wollte Mexikaner von 'ihrem' Strand verscheuchen. Laut Verfassung sind alle Strände Mexikos öffentlich zugänglich, jeder darf hin, kein Hotel kann dir sagen, das ist mein Strand. Also haben sie aufgerufen: Asado, heute Abend vor ihrem Haus. Dann standen 80, 100 Leute vor der Villa, haben Grills aufgebaut, Fleisch gebraten, Tacos gemacht, laute Musik gespielt – und ihr so gezeigt, dass der Strand öffentlich ist. Ohne Gewalt. Das habe ich gefeiert. Mexikaner antworten immer in der Art, in der man ihnen begegnet. Kommt Aggressivität, kommt Aggressivität zurück. Die halten dir einfach den Spiegel vor.

Was vermisst du am meisten aus Deutschland?

Das ist einfach: deutsche Metzger und Würstchen. Und meine Tochter vermisst Brezeln. Richtiges Brot, richtiges Sauerteigbrot. Das Problem ist die Luftfeuchtigkeit. Hier zeigt die Vorhersage jeden Tag etwa 31 Grad, gefühlt sind es im Sommer 38 bis 40, manchmal 42. Und bei fast täglich über 88 Prozent Luftfeuchtigkeit kannst du den Teig nicht richtig herstellen, der Sauerteig geht hier nicht richtig. Es gibt Brot, aber überwiegend Weißbrot – auch coole Sachen wie Knoblauch- oder Zwiebelweißbrot –, es schmeckt aber eher wie Brötchen. In Mexico City gibt es deutsche Bäcker und Metzger, hier nicht. Ansonsten: Hier ist eben Taco-Zeit statt Brotzeit. Tortillas, Tacos mit Käse oder Fleisch. Ist auch geil, definitiv. Aber manchmal hätte ich schon Bock auf ein richtig gutes Brot mit Butter und Käse.

Was möchtest du anderen zum Schluss noch mitgeben?

Das Steuersystem ist hier viel netter und sehr gerecht. Man zahlt als Selbstständiger erst Steuern, wenn man auch verdient hat. In Deutschland war ich ein Jahr selbstständig und habe es dann aufgegeben: Wenn du eine Rechnung stellst, will das Finanzamt die Mehrwertsteuer sofort haben, auch wenn der Kunde noch gar nicht gezahlt hat. Du musst in Vorkasse gehen. In Mexiko zahlst du ans Finanzamt erst, wenn dein Geld da ist.