Vanessa und Steve leben seit dreieinhalb Monaten in der Nähe von Hanoi

Vanessa & Steve · seit dreieinhalb Monaten · In der Nähe von Hanoi, Vietnam

Auf Zeit (2–5 Jahre)

Gespräch vom 7. Oktober 2026

Vanessa ist 29, Steve ist 31, beide kommen ursprünglich aus Sachsen. Vanessa hat Familie in Vietnam und war seit ihrer Kindheit immer wieder dort, meist für zwei Wochen, wenn Ferien oder Urlaub es hergaben. Steve war vor dem Umzug dreimal im Land, das erste Mal 2019. Seit dreieinhalb Monaten leben die beiden gemeinsam in der Nähe von Hanoi, aktuell bei Vanessas Familie, und haben sich für das erste Jahr vorgenommen, keiner Arbeit nachzugehen.

Wie kam es dazu, dass ihr euch ausgerechnet für Vietnam entschieden habt?

Wenn man etwas ausholt: Wir hatten 2020 oder 2021 schon mal den Plan, zusammen ein Work-and-Travel-Jahr in Australien zu machen. Dann kam Covid dazwischen, und wir haben das Ganze auch ein Stück weit aus den Augen verloren. Im Laufe der Zeit kam der Wunsch nach der Ferne wieder auf, und weil Vanessa hier Familie hat, ist es dann Vietnam geworden. Wir waren letztes Jahr noch einmal hier und haben uns quasi ein letztes Mal selbst bestätigt. Danach ist die Entscheidung gefallen.

Und warum ging es weg aus Deutschland?

Wir hatten beide etwas schwierige Jahre und haben uns gefühlt, als würden wir feststecken. Wir wollten einfach mal einen Cut setzen und etwas ganz anderes machen. Da hat alles ziemlich gut zusammengepasst. Wir haben noch keine Kinder, deswegen sind wir flexibler als andere in unserem Alter vielleicht. Als ich dann letztes Jahr meinen Job gekündigt habe, war es nur noch ein kurzes Ding: Wollen wir das wirklich? Danach haben wir alles verkauft, was wir hatten, die Wohnung aufgelöst und sind mit zwei großen Backpacks und je einem Handgepäck los.

Was macht ihr jetzt vor Ort – arbeitet ihr, oder sucht ihr?

Aktuell weder noch. Wir sind auf unbestimmte Zeit hier und haben uns zumindest fürs erste Jahr vorgenommen, einfach mal nichts zu machen. Wir waren in Deutschland beide eine Zeit lang selbstständig, das war mit viel Arbeit und Stress verbunden. Jetzt wollen wir erst einmal das Leben genießen. Und bevor Arbeit hier überhaupt in Frage käme, steht an erster Stelle, die Sprache zu beherrschen. Vanessa kann das schon ein Stück weit, bei ihr muss es noch gefestigt werden. Ich habe mehr oder weniger bei null angefangen und habe meine Schwierigkeiten. Irgendwann kommt es vielleicht in Frage.

Wie lernst du die Sprache?

Ich habe ganz klassisch mit Duolingo angefangen. Vor Ort haben wir dann einen kleinen Crashkurs besucht, der ging fünf oder sechs Wochen, Montag bis Sonntag jeden Tag Unterricht mit Hausaufgaben, wie man das aus Schulzeiten kennt. Jetzt versuche ich, in die Praxis zu kommen: beim Essengehen oder Kaffeetrinken anwenden, was ich kann. Und weil Vanessa hier Familie hat, haben wir immer wieder die Möglichkeit, im vertrauten Verhältnis zu üben. Ich verstehe schon sehr viel, gerade im Kontext kann man sich manches herleiten. Was ich noch nicht so richtig kann, sind richtige Gespräche, die tiefgründiger gehen. Einkaufen, mal etwas nachfragen – das klappt ganz gut.

Selbst den Schritt nach Vietnam im Kopf?

Der Guide erklärt Visum, Kosten und die ersten Schritte.

Wie finanziert ihr das Leben dort, und womit muss man rechnen?

Wir haben uns natürlich vorher Gedanken gemacht. Weil wir keiner Arbeit nachgehen, leben wir erst einmal größtenteils von Ersparnissen. Die geringen Lebenshaltungskosten kommen uns entgegen. Wir haben den großen Vorteil, dass wir mietfrei leben, weil wir bei Vanessas Familie wohnen. Ansonsten sind schicke Zwei- bis Dreizimmerapartments für umgerechnet 300 bis 400 Euro im Monat möglich. Für einen sehr guten Lebensstandard braucht man pro Person vielleicht 300 bis 400 Euro im Monat – und damit hat man deutlich mehr, als man in Deutschland für das Geld hätte. Nach oben gibt es natürlich keine Grenzen, aber mit 1.000 Euro pro Person kann man in Vietnam auf jeden Fall sehr, sehr gut leben. Beim Essen gilt dasselbe: Man kann teuer leben, man kann aber auch jeden Tag für fünf Euro pro Person essen gehen, dann eben lokal. Oder man kauft ein und kocht selbst, oder macht eine Mischung aus beidem.

Was ist im Alltag am meisten anders als in Deutschland?

Ich würde sagen, fast alles ist ein Stück weit anders. Mein Eindruck ist, dass vieles unkomplizierter ist und dass es für alles eine Lösung gibt. Es ist nicht so verkopft. Und das Leben ist, zumindest da, wo wir uns aufhalten, lebendiger. Das fängt damit an, dass Sonntag kein Ruhetag ist und dass selbst in bürgerlichen Gegenden die Läden von früh bis spät aufhaben. Eine Sache muss man allerdings bedenken: Hier wird landesweit Mittagsschlaf gemacht. Es ist mittags warm und schwül, gerade in der Regenzeit regnet es viel und ist sehr heiß. Zwischen 12 und 15 Uhr sind deshalb viele Geschäfte zu. Die Läden werden oft aus den Wohnhäusern betrieben, im Erdgeschoss ist dann einfach ein Geschäft. Die machen zu, weil es heiß ist, weil sie Mittag essen, weil sie sehr früh aufstehen. Ab 15, 16 Uhr geht es weiter. Als wir das letzte Mal hier waren, hatten wir deswegen Schwierigkeiten, in der Nähe etwas zu essen zu finden. Dafür sind abends um halb zehn die Cafés teilweise brechend voll, da wird Karaoke gesungen, die Leute snacken, trinken einen Bubble Tea und haben eine gute Zeit miteinander.

Wie findet man dort Anschluss?

Nach der kurzen Zeit habe ich noch keine großen Freundschaften oder festen Kontakte geknüpft. Aber man kommt immer wieder ins Gespräch. Für mich ist Sport der Türöffner: Ich gehe ins Fitnessstudio und zum Kampfsport, da kommt man unter Gleichaltrige. Ich habe schon in Deutschland Kickboxen trainiert, hier ist es jetzt Muay Thai. Ein Gym zu finden war eine meiner ersten Sachen auf der To-do-Liste – unter Leute kommen und das Hobby weiterführen. Schwierig ist, dass nicht alle Leute Englisch sprechen, da sind tiefergehende Gespräche kaum möglich, und das macht eine richtige Freundschaft erst mal schwer. Vom Eindruck her sind die Leute hier aber sehr offen und freuen sich eher darüber, dass Ausländer zu Gast sind und hier leben möchten. Man fühlt sich sehr willkommen.

Wie habt ihr das mit dem Visum gelöst?

Ich habe die vietnamesische Staatsbürgerschaft noch nicht, die habe ich aber beantragt und hoffe, dass ich sie in den nächsten Monaten bekomme. Durch meine Familie haben wir eine Visabefreiung. Die gilt fünf Jahre, und wir dürfen damit immer 180 Tage am Stück im Land bleiben. Danach müssen wir ausreisen und wieder einreisen, dann geht das nächste halbe Jahr los. Weil wir verheiratet sind, gilt das für uns beide. Zum Vergleich: Mit E-Visum wäre es alle drei Monate, ohne Visum 45 Tage. Viele kennen so einen Visa Run von Thailand. Im Grunde muss man sich nur an der Grenze einen Stempel holen. Wir haben uns vorgenommen, das mit einem Urlaub zu verbinden, in Thailand, Kambodscha oder China.

Ist Vietnam für euch gesetzt, oder haltet ihr euch alles offen?

Für mich ist es erst einmal auch ein Test. Wir müssen langfristig schauen, wo es uns am besten gefällt. Wir wollen uns alles offen halten, wir haben keinen festen Plan. Wir gehen mit dem, was das Leben uns bringt oder auch nicht, und entscheiden dann, wenn die Situation es erfordert.

Wie habt ihr die Krankenversicherung geregelt?

Ich habe eine internationale Krankenversicherung, die ich monatlich bezahle, und hoffe, dass nichts passiert. Ich bin aktuell noch in Deutschland krankenversichert und noch nicht abgemeldet, das mache ich voraussichtlich Ende des Jahres, und schließe dann auch so eine internationale Versicherung ab. Wichtig zu erwähnen: Wir haben uns bewusst für eine ganz einfache Versicherung entschieden, die wirklich nur im Notfall zahlt. Ein Arztbesuch ist in Vietnam so günstig, dass man den auch aus eigener Tasche zahlen kann. Ganz ohne Krankenversicherung würde ich aber niemandem empfehlen. In Asien sind Rollerunfälle keine Seltenheit, da sollte man sich vernünftig absichern.

Gab es Gegenwind aus dem Umfeld?

Jein. Wir hatten schon vor einigen Jahren mehr oder weniger angekündigt, dass wir weg sind, deswegen kam es nicht völlig überraschend, und es wurde uns nicht negativ eingeredet. Es kamen aber immer wieder kritische Fragen: zur Krankenversicherung, ob wir uns das richtig überlegt haben, ob wir wirklich alles verkaufen und zurücklassen wollen. Weitestgehend haben wir aber relativ viel Unterstützung erfahren.

Was würdet ihr Leuten mitgeben, die auswandern möchten, aber Angst davor haben?

Ich habe selbst gerne mal mehr oder weniger begründete Ängste, deswegen: probiert es einfach aus. Ich habe mir immer gesagt, im Zweifel gehen wir wieder zurück, und dann ist das auch okay. Zurück kann man am Ende immer. Und selbst wenn es nicht klappt, ist es eine Erfahrung, die man mitgenommen hat. Was wir beim Australien-Thema gemerkt haben: Wenn man wirklich ernsthaft den Wunsch hat, wird man es irgendwann bereuen, wenn man es nicht gemacht hat. Also noch einmal in sich reinhören – und wenn der Wunsch nach längerer Zeit immer noch da ist, dann einfach machen. Nicht so sehr auf Leute hören, die davon abraten, auch wenn sie es gut meinen, vor allem wenn sie es selbst nie gemacht haben. Lieber auf das Bauchgefühl hören und sich mit Leuten verbinden, die es schon gemacht haben oder die gleichen Pläne haben. Am Ende kostet es ein Flugticket, dann ist man wieder in Deutschland. Und meiner Meinung nach gibt es in Deutschland nichts, was man nicht wiederbekommen könnte. Ihr kriegt wieder eine Wohnung, ihr findet schnell wieder einen Job, und dann habt ihr ganz schnell euer altes Leben zurück.