Johanna, 38, lebt seit zwölf Jahren im Ausland und prüft gerade Thailand als neuen Wohnort

Johanna · aktuell drei Monate zur Probe, insgesamt seit zwölf Jahren im Ausland · Koh Phangan und Chiang Mai, Thailand

Für immer

Johanna ist 38 und lebt seit zwölf Jahren nicht mehr fest in Deutschland. Sie beschreibt sich nicht als klassische Auswanderin, die einmal geht und dann bleibt: Thailand, Spanien, Malaysia, zuletzt sechs Jahre Teneriffa. Ihr Sohn ist achteinhalb und spricht Deutsch, Spanisch und Englisch fließend. Mit dessen Vater ist sie seit über fünf Jahren getrennt, sie leben im Wechselmodell – Ortswechsel machen die beiden trotzdem nur gemeinsam. Derzeit ist die Familie auf Koh Phangan, danach geht es nach Chiang Mai, jener Stadt, in der Johanna damals schwanger wurde. Sie arbeitet selbstständig und ortsunabhängig.

Du sagst, du bist keine klassische Auswanderin. Wie sieht deine Konstellation aus?

Ich bin Johanna, 38, und lebe seit zwölf Jahren nicht mehr so richtig in Deutschland. Ich bin nicht die klassische Auswanderin, die sagt: Ich gehe jetzt nach Spanien und bleibe da. Ich habe in den letzten zwölf Jahren viel Zeit in Thailand verbracht, ich habe in Spanien gelebt, in Malaysia, und jetzt bin ich wieder in Thailand. Unsere Familienkonstellation ist ein bisschen lustig: Wir haben die letzten sechs Jahre auf Teneriffa gelebt – mein Sohn, er ist acht, sein Vater und ich. Wir sind aber schon seit über fünf Jahren getrennt, leben nicht mehr zusammen und machen ganz normal Wechselmodell, wie andere das in Deutschland auch machen. Uns hat es beiden unabhängig voneinander auf Teneriffa nicht mehr so gut gefallen, deshalb haben wir uns noch mal nach einem neuen Ort umgeschaut. Auch wenn wir nicht mehr zusammen sind, würden wir so etwas nur gemeinsam machen, weil wir ein Kind haben und beide Zeit mit diesem Kind verbringen wollen. Die neue Partnerin von meinem Ex ist jetzt auch mitgekommen und schaut es sich an. Wir sind gerade nur drei Monate hier, um uns Thailand wirklich als potenziellen Wohnort anzusehen – das ist noch mal etwas anderes, als wenn man touristisch hier ist. Danach fliegen wir erst mal zurück nach Teneriffa, um den Vergleich zu haben, zu reflektieren und dann zu entscheiden.

Warum ausgerechnet Thailand?

Vor elf Jahren war ich das erste Mal hier. Vorher hatte ich nie Interesse an Asien, aber irgendwie hat es mich dann nach Thailand gezogen. Damals war ich auf einer bestimmten Ernährungsweise ein bisschen festgefahren, habe sehr viele Früchte und viel Rohkost gegessen – und davon gibt es hier einfach richtig viel und richtig gutes Zeug. Das hat mich damals angesprochen. Heute ist das nicht mehr so, ich esse immer noch gern Früchte, aber nicht mehr in diesen riesigen Mengen. Ich kenne das Land dadurch gut und weiß, dass ich dieses tropische Klima mag. Am liebsten ist es mir, wenn ich mir keine Gedanken über Anziehsachen machen muss: kurze Hose und T-Shirt geht immer, oder ein Kleid. Man muss nie einen Pulli mitnehmen, egal wo man hingeht. Das Einzige, was passieren kann, ist, dass es regnet – aber selbst dann ist es warm, man friert nicht. Und auch wenn der Vater meines Sohnes und ich sehr unterschiedliche Persönlichkeiten sind: Bei Lebens- und Umgebungsfaktoren sind wir uns meistens einig. Thailand kennen wir beide, das können wir uns beide grundsätzlich vorstellen, also gehen wir erst mal hin.

Wo genau seid ihr gerade, und wie geht es weiter?

Wir sind gerade auf Koh Phangan, einer Insel im Golf von Thailand. In zweieinhalb Wochen fliegen wir hoch in den Norden nach Chiang Mai. Das ist die Stadt, in der wir früher viel Zeit verbracht haben und in der ich damals auch schwanger geworden bin. Jetzt haben wir meinen Sohn dabei und gehen wieder nach Chiang Mai – für ihn ist das vielleicht ein bisschen wie zurück zu den Wurzeln. So fühlt es sich für mich zumindest an. Geboren ist er dann übrigens in Deutschland, dafür sind wir zurückgeflogen. Als er acht Monate alt war, sind wir wieder ins Flugzeug gestiegen und zurück nach Thailand.

Wie handhabt ihr das Thema Schule?

Schule ist tatsächlich nicht unser Fokus in dem Sinne, dass wir danach den Lebensort aussuchen. Mein Sohn ist achteinhalb und war auf Teneriffa zwei Jahre in einer spanischen Waldorfschule. Da haben wir ihn im Laufe dieses Jahres herausgenommen, weil ziemlich deutlich wurde, dass er in einen normalen Schulalltag einfach nicht hineinpasst. Das hat an ganz vielen Punkten geknirscht. Wir haben gesagt: Wir sind hier nicht in Deutschland, es gibt keine Schulpflicht, vor allem nicht für Ausländer, wir können ihn herausnehmen und schauen, was besser zu ihm passt. Dann hat er erst mal ganz viel Padel gespielt, Padel-Tennis, und ein Padel-Camp gemacht – das hat ihm so gutgetan. Natürlich hat er nebenbei auch geschrieben und gerechnet, aber eben nicht den ganzen Tag am Tisch sitzen und von der Tafel abschreiben. Hier haben wir uns umgesehen und mit anderen Auswandererfamilien gesprochen. Es gibt einige Schulen, auch objektiv gesehen gute, englischsprachige, private Schulen mit gutem Ruf. So etwas würden wir uns schon noch mal ansehen, ob ein solches Konzept doch passen könnte.

Ihr habt euch auch ein Feriencamp angesehen. Warum wurde daraus nichts?

Das Konzept fanden wir vom Ansatz her richtig gut: Die Kinder sind den ganzen Tag draußen, es gibt viele Kreativangebote, Bogenschießen, Feuermachen – Skills lernen eben. Das Problem war, und das ist hier auf der Insel generell ein Thema, dass der Anteil israelischer Familien überproportional groß ist. In den Schulen und auch in diesen Feriencamps sind dann 90 Prozent israelische Kinder, die aber kein Englisch sprechen. Es ist egal, wo jemand herkommt, aber wenn Kommunikation nicht stattfinden kann, hat man irgendwann keine Lust mehr hinzugehen. Mein Sohn spricht Deutsch, Spanisch und Englisch fließend, er kann sich wirklich gut verständigen – Hebräisch eben nicht. Bei den Schulen ist es anscheinend ähnlich. Aus diesem Blickwinkel sehen wir das gerade eher kritisch.

Wie leicht findet man Anschluss an einem neuen Ort?

Darüber muss man sich wirklich keine Sorgen machen. An jedem Ort, an den Auswanderer typischerweise gehen, gibt es eine Facebook-Gruppe oder eine WhatsApp-Gruppe oder beides, oder irgendein Portal, wo tägliche Events gelistet sind. Da kann man einfach hingehen und sagen: Hallo, wir sind neu hier, wir sind eine Familie, wir suchen das und das, wir machen gern dies und jenes. Dann finden sich immer Leute. Natürlich ist das ein Prozess, man muss sich erst mit vielen Leuten treffen und schauen, mit wem man wirklich klarkommt – aber das ist ja ganz normal. An den typischen Auswandererorten gibt es auch immer Deutsche, auf Teneriffa zum Beispiel. Dann muss man gucken, ob das die richtigen Leute für einen selbst sind. Aber dass Anschlussfinden ein Problem wäre, habe ich an keinem Ort erlebt. Die Einschränkung ist die, die ich vorhin genannt habe: Wenn man sich nicht unterhalten kann, entsteht keine Verbindung – für Erwachsene genauso wie für Kinder. Ich bin gespannt, wie es in Chiang Mai sein wird.

Wie sieht es mit Visum und Aufenthalt aus?

Wir hatten Glück und sind noch mit den 60 Tagen bei Einreise hereingekommen, das heißt, wir dürfen uns 60 Tage aufhalten. Gestern mussten wir zur Immigration und das Visum verlängern lassen, das geht dann noch mal um 30 Tage. Thailand hat die Bestimmungen gerade wieder geändert: Jetzt kann man mit dem deutschen Pass nur noch 30 Tage einreisen und dann einmal um 30 Tage verlängern. Es gibt aber gute Visa-Optionen. Das DTV-Visum zum Beispiel: Damit kann man 180 Tage im Land bleiben, muss einmal ausreisen, kann wieder 180 Tage bleiben, und das über fünf Jahre. Es gibt noch andere Digital-Nomad-Visa, bei denen man ein gewisses Einkommen nachweisen muss, oder man zahlt entsprechend Geld. Es hängt also am Geld – sie wollen verhindern, dass Leute herkommen, die quasi am Strand leben und nichts zur Wirtschaft beitragen. Insgesamt gibt es mittlerweile sehr gute Optionen.

Und wie verdienst du dein Geld von dort aus?

Vor Ort zu arbeiten ist schwierig geworden, davon lasse ich die Finger, da steige ich bei den Regulationen auch nicht durch. Ich bin selbstständig und arbeite ortsunabhängig, mit ein paar Jahren Unterbrechung, in denen ich angestellt war. Ich habe im Lauf der Zeit verschiedene Dinge gemacht, die es mir ermöglicht haben, unterwegs zu sein. Wenn jemand noch in Deutschland sitzt und rauswill, würde ich empfehlen, sich mit Online-Marketing zu beschäftigen. Das ist erst mal ein Begriff, den viele Leute im Kopf haben, aber sie verstehen oft gar nicht, was das eigentlich ist. Wenn du selbstständig sein willst, brauchst du das ohnehin.

Wie viel plant ihr im Voraus?

Durch unsere letzten zwölf Jahre sind wir so eingespielt, selbstbewusst und angstfrei, dass wir uns nicht hinsetzen und alles bis ins letzte Detail durchplanen. Deshalb machen wir es gerade so, dass wir erst mal drei Monate hier sind, dann noch mal zurückgehen und dann entscheiden. Über ein paar Dinge sollte man sich vorher schon Gedanken machen, je nachdem, was einem wichtig ist und was man vorhat. In Thailand zum Beispiel braucht man für ein Unternehmen thailändische Mitinhaber, denen ein bestimmter Anteil gehört – so etwas ist wichtig zu wissen. Aber ob der Ort wirklich der richtige ist, findet man so nicht heraus. Da muss man Zeit verbringen. Und man sollte nicht nur schauen, was die anderen Auswanderer machen. Es gibt tolle Instagram-Accounts, das sieht super aus – aber wenn man nie da war, kann man es nicht wissen. Selbst hinfahren ist immer das Beste.

Was gibst du Leuten mit, die mit dem Gedanken spielen, aber noch zögern?

Einfach mal mutig sein, das wäre mein Abschlusswort. Wenn man dieses Gefühl von Sehnsucht in sich hat – raus aus Deutschland oder raus aus wo auch immer, und irgendwo anders hin – dann machen. Einfach machen. Es gibt kein Falsch und kein Richtig. Und wenn es nicht klappt, kann man ja zurück.