
Olga und Vladi leben seit gut einem halben Jahr in Tokio
Gespräch vom 5. Oktober 2026
Olga ist 43, Vladi 41, beide kommen aus der Nähe von Düsseldorf. Vladi ging im Februar wegen eines Jobs nach Tokio, Olga folgte später mit den beiden Hunden Mascha und Pablo. Heute wohnen die beiden mitten in Tokio, zwei Stationen mit dem Express-Train vom Shibuya Crossing entfernt. Vor dem Umzug hatten sie in Deutschland ein Haus gekauft und renoviert, zwei Autos und zwei sichere Jobs – und entschieden sich trotzdem für den Neuanfang.
Japan ist für deutsche Auswanderer eher ungewöhnlich. Wie kam es dazu?
Das ist eine etwas längere Geschichte. Wir waren schon einmal zusammen, ungefähr ein Jahr lang, dann habe ich mich abrupt von Olga getrennt. Nach etwa sieben Monaten habe ich gemerkt, wie sehr ich diese Frau vermisse. Zu Karnevalszeiten in Düsseldorf habe ich mir ein bisschen Mut angetrunken und ihr gesagt, dass ich gerne weit weg verreisen möchte. Japan stand mit auf der Liste. Olga hat sich dann tatsächlich gemeldet, womit ich gar nicht gerechnet hatte, und wir sind für zwei Wochen gemeinsam nach Japan gereist – als Nichtpaar. Es war eine sehr dynamische, tolle und auch sehr anstrengende Zeit. Zurück in Deutschland haben wir uns wieder angenähert und sind ein Jahr später wieder zusammengekommen. Innerhalb von zwei Jahren waren wir sechsmal in Japan und haben all unser Geld und allen Urlaub dort gelassen. Durch diese emotionale Bindung – zueinander und zu dem Land – kam irgendwann der Wunsch auf, uns dort zu bewerben.
Wie war die erste gemeinsame Reise für euch?
Für mich, Vladi, war es nicht das erste Mal. Ich hatte Japan im Rahmen einer kleinen Weltreise schon besucht, allerdings nur für zehn Tage. Ich habe mir damals gesagt, ich muss unbedingt noch einmal hin. Für mich, Olga, war es das erste Mal. Ich hatte vorher kaum Fernreisen gemacht, Japan war für mich das total Unbekannte, und ich hatte riesige Angst davor. Der erste Urlaub 2023 war ein Hoch und Tief der Gefühle, weil ich mich ganz häufig dabei ertappt habe, wie überfordert ich war. Gleich nach der Landung habe ich den falschen Koffer genommen und musste am nächsten Tag zurück zum Flughafen. Dazu die Navigation, die Sprachbarrieren, wir hatten damals noch kein Internet auf dem Handy und sind von Hotspot zu Hotspot. Und natürlich unsere angespannte Situation – das hat mich wohl am meisten überfordert. Trotzdem war es eine der besten Reisen meines Lebens.
Ihr habt in Tokio geheiratet. Wie lief das ab?
Wir hatten uns das romantischer vorgestellt, so wie in Deutschland auf dem Standesamt, mit einer kleinen Ansprache. Hier ist das ziemlich unromantisch. Wir sind ins Ward Office gegangen, das ist vergleichbar mit einem Bürgerbüro, haben unsere Unterlagen eingereicht, die wurden knapp zwei Stunden geprüft, dann wurden wir an den Counter gerufen und man sagte uns: Jetzt seid ihr verheiratet. Das war es. Für uns haben wir danach noch eine kleine Zeremonie am Katzen-Tempel gemacht, der hat für uns eine besondere Bedeutung – das war dann der schöne Teil.
Und der bürokratische Aufwand dahinter?
Der war eigentlich okay, nicht super aufwendig. Wir kannten Japan ja schon und wissen, dass hier gern nach Schema F gearbeitet wird. Weil wir ein bestimmtes Datum im Kopf hatten, sind wir drei Monate vorher noch einmal nach Japan geflogen, ins Ward Office gegangen und haben die Unterlagen prüfen lassen. Wir wollten auf keinen Fall das Risiko eingehen, dass am Tag selbst etwas fehlt. Für eine internationale Heirat braucht man eine Art Ehefähigkeitszeugnis. Dafür mussten wir alle persönlichen Unterlagen zusammensammeln, Geburtsurkunden, und ich war schon einmal verheiratet, also auch meine Scheidungspapiere. Alles musste anschließend ins Japanische übersetzt werden. Die Formulare der japanischen Behörden waren komplett auf Japanisch, wir mussten unsere Angaben und die Namen unserer Trauzeugen in Katakana ausfüllen. Ich habe mich hingesetzt und das nachgezeichnet – lesen konnten sie es jedenfalls alles.
Ihr habt zwei Hunde mitgenommen. Wie aufwendig war das?
Das ist kompliziert und braucht eine sehr lange Vorbereitungszeit. Wir haben einen Maltipoo, Mascha, und einen Yorkshire Terrier, Pablo. Die Hunde müssen zweimal gegen Tollwut geimpft werden, dann kommt eine Titerbestimmung, und ab da beginnt die Wartezeit: Erst nach 180 Tagen, also nach sechs Monaten, dürfen sie einreisen. Zu dem Thema habe ich kaum Vlogs oder Informationen gefunden, das habe ich mir komplett eigenständig zusammengesucht und viel mit den japanischen Behörden geschrieben.
Wie schwierig war die Wohnungssuche in Tokio?
Wirklich nicht einfach. Wir hatten uns das einfacher vorgestellt und dachten, wir finden hier schnell etwas. Ich bin damals für zwei Wochen mitgeflogen, als Vladi rüberging, wegen des Visums und der Anmeldung, und da haben wir angefangen, uns auf Wohnungen zu bewerben. Wir haben sehr viele Absagen bekommen, mit dem Hinweis, dass wir kein Japanisch sprechen. Was man in Deutschland vielleicht nie so äußern würde, weil es diskriminierend klingt, wird hier ganz offen gesagt. Dazu kamen die zwei Hunde: als Gaijin, als Ausländer, plus zwei Hunde war es fast unmöglich. Am Ende haben wir trotzdem eine Wohnung bekommen, die sogar direkt unser Favorit war. Dahinter steckt aber kein pauschales Ressentiment gegen Ausländer, sondern ein praktischer Grund – man will sich verständigen können, wenn im Haus etwas ansteht, mit dem Vermieter oder mit Handwerkern.
Wie geht ihr die Sprache an?
Wir haben in Deutschland an der VHS angefangen, aber das war mehr Kulturkunde als Japanisch. Wir sind also praktisch ohne Kenntnisse hergekommen. Ich, Olga, besuche jetzt einen Sprachkurs, den das Ward Office anbietet, in dem wir wohnen. Der ist für mich komplett kostenlos, weil ich in Tokio gemeldet bin, und findet zweimal die Woche für je zwei Stunden statt. Die Gruppe ist international – Kanada, Amerika, Philippinen –, und die Lehrer sind Japaner und sprechen sehr wenig bis gar kein Englisch. Wir versuchen uns also auf Japanisch zu unterhalten. Bei mir, Vladi, ist es schwieriger: Auf der Arbeit brauche ich kein Japanisch, die Unternehmenssprache ist Englisch. Ich habe einen Online-Kurs über die Arbeit gebucht und lerne zu Hause mit den Büchern, aber ich muss mich sehr stark motivieren. Ich bin absolutes Beginner-Level. Wir sagen immer: Ohne Sprache kommst du hier nicht weit. Dann bist du nur in der internationalen Blase unterwegs, die hier groß ist – aber Japanisch lernst du dadurch nicht, und Integration funktioniert anders.
Habt ihr Anschluss gefunden?
Zu Deutschen, die auch hergekommen sind, definitiv. Diese Blase ist groß, und das geht ziemlich schnell. Zu Japanern ist es schwieriger, wegen der Sprachbarriere. Ich habe auf der Arbeit Kontakt zu japanischen Kollegen, aber das sind eher die international aufgestellten, die Englisch sprechen und weniger Hemmschwellen haben. Dazu kommt der Kulturunterschied: Wir aus dem westlichen Raum sind kommunikativ, gehen aufeinander zu, sind relativ direkt. Japaner sind eher zurückgezogen, anders gepolt – das ist nicht böse gemeint, aber da muss über eine lange Zeit vieles zusammenkommen. Es gibt natürlich auch die, die sehr offen sind, die vielleicht selbst im Ausland gelebt haben, zu denen findet man schnell Anschluss. Wir merken schon, dass Overtourism hier ein Thema ist und manche davon genervt sind. Trotzdem waren ausnahmslos alle, die wir kennengelernt haben, sehr freundlich, höflich und zuvorkommend. Vieles läuft bei uns über Social Media: Leute schreiben uns an, wir treffen uns, oder wir schreiben selbst Menschen an, die wir interessant finden. Wir haben inzwischen eher das Problem, zu viele Verabredungen zu haben.
Wie ist der Job zustande gekommen – und was hat sich finanziell verändert?
Ich wurde nicht entsendet, es ist auch nicht mein früherer Arbeitgeber. Ich habe einen komplett lokalen Vertrag zu lokalen Konditionen bei einem japanischen Unternehmen, das aber international aufgestellt ist und Englisch als Unternehmenssprache hat. Ich bin als IT-Produktmanager tätig, in derselben Branche wie vorher in Deutschland. Die Stellenausschreibung hat perfekt gepasst, ich habe mich beworben, zwei Wochen später kam die Einladung zum ersten Interview, und dann hat sich der Prozess vier Monate gezogen bis zum Gespräch mit HR und dem Offer. Dafür leben wir jetzt von einem Gehalt, weil ich, Olga, im Moment nicht arbeite. Sein Gehalt ist ungefähr 30 Prozent niedriger als in Deutschland. Und wir haben viel weniger Urlaub: Vladimir hatte im ersten Jahr nur zehn Tage, von vorher 30. Wir nennen das Wohlstandsverlust, und den sind wir bewusst eingegangen. Wir haben uns mit der Wohnung verkleinert und auf vieles verzichtet, um hier zu leben.
Warum habt ihr das aufgegeben, obwohl in Deutschland alles da war?
Wir hatten uns ein Haus gekauft, ordentlich renoviert, nach unseren Wünschen picobello fertig gemacht, und waren happy damit. Und trotzdem saßen wir da und dachten: War es das jetzt? Ist das der Zustand, den die Gesellschaft als das Ultimative definiert – und den wir selbst auch so gesehen haben? Haus, zwei süße Hunde, zwei Autos, zwei sichere Jobs, gutes Einkommen, ständig im Urlaub. Das hat uns nicht glücklicher gemacht. Ich, Vladi, war immer der Sicherheitsmensch, aber ich saß zu Hause und dachte: Wenn ich diese Chance jetzt nicht nutze, wo man alles schon abhaken konnte, dann mache ich mir irgendwann richtig depressive Vorwürfe. Wir sind noch jung genug, etwas anzupacken. Es war dieses Gefühl: Wenn nicht jetzt, wann dann? Sonst werden wir uns nie trauen. Dann haben wir unseren Mut zusammengepackt, sehr kurzfristig einen Plan aufgesetzt und das einfach exekutiert. Vladi sagt immer, Japan ist seine Währung: Wenn ich vorschlug, nach Griechenland oder Mallorca zu fliegen, hieß es, dafür bekomme ich schon einen Flug nach Tokio. Wir haben jeden Sonntag Vlogs über Japan geschaut.
Habt ihr euch beraten lassen oder alles selbst organisiert?
Beim Umzug hatte Vladi Unterstützung vom Arbeitgeber, ein Onboarding: Bank, SIM-Karte, Registrierung vor Ort. Beim Visum hat ebenfalls ein Unternehmen die Beratung übernommen. Alles andere haben wir selbst gemacht und uns im Internet durchgehorcht. Wir hatten Anfang November die Zusage für den Job, im Februar ging es schon rüber. Wir hatten ein Haus und wussten nicht, ob wir verkaufen oder vermieten, sind im Januar erst mal zu meinen Eltern gezogen und haben in meinem alten Kinderzimmer gewohnt. So viel Zeit zum Planen hatten wir gar nicht, wir haben vieles ad hoc gelöst. Ob Beratung sinnvoll ist, kommt auf den Typ und auf das Thema an. Beim Visum braucht man definitiv Unterstützung. Bei Bankkonto, SIM-Karte und Registrierung finde ich sie auch sinnvoll, weil es bei den Behörden sehr schwierig ist, sich auf Englisch zu verständigen. Bei der Wohnungssuche hat es ohne auch funktioniert.
Was hättet ihr gerne vorher gewusst?
Das Thema Hunde vor Ort. Bei uns hat es gut geklappt, aber ein Hund ist schon problematisch, zwei Hunde sind eigentlich ein K.-o.-Kriterium. Für Auswanderer mit Haustieren – zwei Katzen, eine Katze, ein Hund, zwei Hunde oder auch ein größerer Hund – kann das in Ballungsräumen wie Tokio sehr schnell zum Problem werden. Auf dem Land ist das weniger ein Thema. Da waren wir naiv, das hätte auch schiefgehen können, und dann hätten wir keine Wohnung gefunden. Auch der Internetanschluss für zu Hause dauert länger, als ich dachte. Der allerwichtigste Punkt ist aber die Sprache. Da sind wir zu naiv reingegangen und haben gedacht: Im Urlaub hat doch alles funktioniert. Ich merke das immer wieder, wenn ich zum Arzt oder zum Friseur gehe – es ist anstrengend und schwierig, weil ich die Sprache nicht beherrsche. Da können die Ärzte und Dienstleister nichts für, das liegt an mir. Die Sprache hätten wir deutlich ernster nehmen müssen.
Was sagt ihr Menschen, die auswandern wollen, sich aber nicht trauen?
Es ist nicht garantiert, dass eine Auswanderung klappt, das muss man sich bewusst machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schiefgeht, ist relativ groß. Aber man sollte sich davon nicht beirren lassen. Allein der Mut, sich zu entscheiden und den Schritt umzusetzen, ist schon ein großer Gewinn für die eigene Entwicklung. Ich, Olga, bin das Paradebeispiel für die German Angst – und sitze jetzt hier in Japan. Für mich war das eine riesige Hürde. Wenn ich das schaffe, dann kann ich allen nur Mut machen: Versucht es, geht den Schritt. Sonst fragt ihr euch irgendwann, warum ihr euch damals nicht getraut habt. Und falls es schiefgeht und ihr zurückgeht, habt ihr wenigstens diese Erfahrung gemacht. Ganz wichtig: Es gibt immer einen Weg zurück. Nur weil man einmal ausgewandert ist, sind nicht alle Zelte abgebrochen. Ein Scheitern ist erlaubt und für mich kein Scheitern im herkömmlichen Sinne. Wir haben in dieser Zeit so viel gelernt und sind als Paar gereift. Jeder muss seinen eigenen Plan haben, das ist sehr individuell – aber Angstmacherei bringt überhaupt nichts.
Wie sehen eure Pläne für die nächsten Jahre aus?
Vladimir hat ein Fünf-Jahres-Visum, ich ein Drei-Jahres-Visum, weil ich als Dependent über ihn läuft. Die Verlängerung stoßen wir ein halbes Jahr vor Ablauf an, dann wird geprüft, ob sein Visum noch aktiv ist. Diese Zeit wollen wir auf jeden Fall nutzen und hier bleiben, wenn nichts Unerwartetes passiert. Unser Traum wäre ein kleines Häuschen und eine Zukunft hier. Das sind aber hochgesteckte Ziele: Wir wohnen mitten in Tokio, zwei Stationen mit dem Express-Train vom Shibuya Crossing entfernt, und das ist ein eher teurer Teil. Unsere Wohnung ist zwar bezahlbar, aber für lokale Verhältnisse ist Tokio nicht günstig. Viele gehen weiter raus und pendeln eine Stunde zur Arbeit. Das wollten wir am Anfang nicht, wir wollten erst einmal ankommen. Mit den Kosten kommen wir gut zurecht, aber wenn wir irgendwann etwas kaufen wollen, müssten wir raus aus Tokio.
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