
Miriam lebt seit fast 18 Jahren in Neuseeland
Gespräch vom 15. September 2026
Miriam, von allen Miri genannt, ist südlich von Berlin aufgewachsen, rund eine halbe Stunde von der City entfernt, und hat dort bis 2007 gelebt. Aus einem Praktikum in London wurde ein Jahr Work and Travel in Australien, aus sechs geplanten Wochen Neuseeland wurden fast 18 Jahre. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem elfjährigen Sohn in Rotorua mitten auf der Nordinsel, arbeitet selbstständig und ist nach eigener Aussage dort deutlich aktiver unterwegs als je zuvor in Deutschland.
Du bist 2007 losgezogen – wie kam es dazu?
Ich habe ein Praktikum in London gemacht und bin danach mit einem Rucksack nach Australien, ein Jahr Work and Travel, so wie man das macht, wenn man jung ist und in seinen 20ern. Nach dem Jahr Australien dachte ich, ich bin noch nicht so weit, nach Hause zu fliegen, und habe noch sechs Wochen Neuseeland drangehängt.
Was hast du in Australien gearbeitet?
Ich wollte unbedingt etwas machen, was ich sonst nicht machen konnte. In Deutschland hatte ich sehr schwerfällig im Büro gearbeitet, in Australien war ich dann auf einer Kamelfarm südlich von Alice Springs. Ich habe Mangos gepflückt, im Supermarkt gearbeitet, auf einem Rummel gearbeitet und bin mit denen durchs Land gezogen. Das waren Möglichkeiten, ganz verschiedene Leute kennenzulernen und richtig krasse Sachen zu machen, an die man sonst nicht rankommt.
Wie hat man so eine Reise 2007 überhaupt geplant?
Work and Travel war ein Riesending in Berlin. Überall in den Bücherläden gab es kleine Stände, die viel für Australien geworben haben. Das war noch richtig oldschool, man hat sich die ganzen Prospekte durchgelesen. Internet gab es, aber wir haben, als wir dann da waren, einen Haufen Kohle in Internetcafés gesteckt, noch richtig mit Münzautomat. Die Organisation selbst war super, die haben mir geholfen, ein Bankkonto aufzumachen und den ersten Job zu finden, und sie hatten eine Adresse für einen, an die die Post geschickt wurde.
Aus sechs Wochen Neuseeland sind fast 18 Jahre geworden. Wie ging das los?
Ich hatte in Australien ganz viele Kiwis kennengelernt, und ihre Geschichten haben mich begeistert. Ich bin in Auckland angekommen, das war für mich wieder eine große Stadt, und ich konnte es kaum abwarten, so schnell wie möglich wieder raus. Ich bin per Anhalter gefahren – das würde ich heute übrigens nicht mehr machen. Man denkt manchmal, dass einem nichts passieren kann, wenn man jung ist und reist. Gelandet bin ich in Rotorua, weil ich ein Festivalticket hatte. Ich kam an, habe Palmen an den Straßen gesehen und dachte: Das ist ein größerer Ort, aber klein genug, dass er mir gefällt. Ich habe mir dann einen Job in dem Hostel gesucht, in dem ich übernachtet habe – das geht hier ganz oft, dass du für die Unterkunft arbeiten kannst – und habe nebenbei im Pub gearbeitet. Ich hatte immer zwei, drei Jobs, um Geld zum Weiterreisen zu verdienen. Aber ich habe relativ schnell meinen jetzigen Mann kennengelernt, und der Rest ist Geschichte.
Du sagst, das Auswandern war gar keine Entscheidung. Wie lief das dann formal ab?
Viele fragen mich, wie ich denn ausgewandert bin, aber das war keine Entscheidung, die ich so getroffen habe. Das ist einfach passiert. Ich hatte über Work and Travel noch mal ein zwölfmonatiges Aufenthaltsrecht und damit ein bisschen Zeit, und ich wusste selbst nicht, wo es hinführt. Irgendwann war es dann so, dass ich dachte: Jetzt nach Hause ziehen kann ich auch nicht mehr. Dann fing das Regeln an. Ich war zwei Jahre hier, bis ich das erste Mal wieder in Deutschland war. Wir haben es über die Beziehungsschiene gemacht, geheiratet haben wir erst nach neun Jahren. Das war eine sehr demütigende Erfahrung mit der Behörde, weil es viele Leute gibt, die vortäuschen, zusammen zu sein, um bleiben zu können. Die wollten wissen: Auf welcher Seite vom Bett schläfst du? Welche Farbe hat deine Zahnbürste? Das hätte ich auch sein lassen können. Aber im Endeffekt haben wir es gepackt, und wir sind jetzt seit fast 18 Jahren zusammen.
Wie war eure Hochzeit in Neuseeland?
Verheiratet war ich in Deutschland nie, aber von dem, was ich von Freundinnen kenne, war es bei uns super locker. Wir haben unter einem Segel im Redwood Forest geheiratet, mit einem Celebrant, also so etwas wie einem Standesbeamten. Ich kam in einem Bulli angefahren, das war mein Hochzeitsauto, und wir hatten einen Haufen alte Autos da. Meine deutsche Familie, unsere Kiwi-Family und unsere Freunde waren alle dabei, und ich bin unter den Bäumen nach vorne gelaufen. Unser Sohn war zu dem Zeitpunkt fast drei. Alle Formulare haben wir direkt vor Ort unterschrieben, wir mussten nirgendwo extra aufs Standesamt. Danach gab es eine riesige Party. Wir waren nicht am Strand, weil wir die Redwoods lieben, das ist unser Happy Place. Interessanter war dann die Namensänderung nach deutschem Recht, dafür musste ich einen ganzen Haufen Formulare ausfüllen. Ich bin nämlich immer noch mit meinem deutschen Pass unterwegs.
Stichwort Bürokratie – wie erlebst du die im Vergleich zu Deutschland?
Mir ist aufgefallen, dass hier alles irgendwie über Mail oder E-Mail geht. Telefonvertrag kündigen: kurze E-Mail. Mietvertrag: wird per E-Mail geschickt. In einigen Bereichen, beim Bauwesen zum Beispiel, ist es wohl anders, aber generell ist die Bürokratie hier gelassener. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben in Neuseeland. Es geht nicht nur darum, dass eine Behörde irgendwo ein Häkchen dranmacht, sondern darum, wie man es am schnellsten hinkriegt, dass alle zufrieden sind. Man muss allerdings dazusagen: Wir haben nur fünf Millionen Einwohner. Da müssen manche Dinge vielleicht auch nicht so umfassend sein wie in Deutschland.
Was vermisst du aus Deutschland – und was überhaupt nicht?
Das Brot, hundertprozentig. Deutsches Backen gibt es glaube ich nirgendwo sonst. Und ich vermisse die Sozialleistungen. Hier haben wir private Krankenversicherungen, und du hast, glaube ich, zehn Krankheitstage im Jahr – nicht pro Krankheit, sondern im kompletten Jahr, egal was du hast. Deutschland hat ein super Sozialsystem, ich glaube, deswegen kommen auch viele nach Deutschland. Was ich nicht vermisse, ist die Bürokratie. Und ich glaube nicht, dass Deutsche unfreundlich sind, aber es fühlt sich immer so an, als würden Sachen nicht schnell genug gehen. Ich war neulich wieder in Deutschland, stand an der Ampel, das Ding war noch nicht mal richtig grün, da wurde schon gehupt. Oder mir ist im Supermarkt ein Joghurt runtergefallen, ich habe mich sofort entschuldigt und alles aufgehoben – die Leute sind grummelig. Das vermisse ich nicht. Und Weihnachten im Winter fehlt mir auch. Weihnachten im Sommer ist eine Riesenparty, aber es ist halt nicht wirklich Weihnachten.
Und was spricht für Neuseeland?
Die Gelassenheit, hundertprozentig. Ich muss nicht eine Stunde zur Arbeit fahren, wobei das natürlich davon abhängt, wo du wohnst – in Auckland oder größeren Städten ist das anders. So viel Grün, die Natur. Ich bin hier viel aktiver, als ich es jemals in Deutschland war, das kann aber auch am Alter liegen. Und das Schulsystem. Wir haben einen Elfjährigen zu Hause, und das ist gerade für Kinder, die nicht so in die Box passen, richtig gut. Wenn jemand mit Kindern überlegt, hierherzukommen: Das ist ein super Land, um Kinder großzuziehen.
Du hast auch von den Schattenseiten des Ankommens gesprochen. Was meinst du damit?
Wenn man auswandert, ist es ja nicht nur die Sprache, die man lernen muss. Es sind diese unausgesprochenen Anspielungen und Regeln. Du wanderst in ein Land ein, in dem Leute ihre Erinnerungen und ihre kulturelle Etikette haben, und das muss alles erst gelernt werden. Als Einwanderin verliert man am Anfang wirklich ein bisschen das Selbstbewusstsein. Erst ist alles aufregend und neu, dann ist die Honeymoon-Phase vorbei, der Alltag kommt, und du hast einen Akzent. Du brauchst vielleicht länger, um dich auszudrücken, weil du die richtigen Worte finden willst, und manche Leute assoziieren das damit, dass du nichts beizutragen hast, oder sie denken, deine Ausbildung war anders als hier, also kann sie nicht so gut sein. Ich habe mich gefragt, ob ich mir das einbilde, aber das ist unter Einwanderern eine ganz verbreitete Geschichte. Es dauert eine Weile, bis sich das wieder aufbaut, und ich erlebe das immer wieder. Es ist nicht so, dass nach 18 Jahren alles top ist. Man verändert ja nicht, wer man ist. Du bist immer noch Deutsche, du bist direkt – das machen die hier überhaupt nicht und mögen es auch nicht gern. Da musst du immer eine Balance finden zwischen Anpassen und Sagen: Hey, aber so bin ich halt.
Wie hast du Anschluss gefunden?
Wenn du neuen Anschluss finden willst, musst du über deinen Schatten springen, und je älter man wird, desto schwieriger wird das – das ist in Deutschland ja genauso. Bei mir ging vieles über die Kinder und die Schule, da fängt das automatisch an. Und je mehr du das machst, desto mehr merkst du, wie multikulturell Neuseeland eigentlich ist. Die Maori-Kultur, also die indigene Kultur, ist der deutschen in mancher Hinsicht ähnlicher als die sehr britisch geprägte Kiwi-Kultur – da habe ich teilweise mehr Anschluss gefunden. Es gibt indische und asiatische Communities und sehr viele Europäer. Man merkt, dass man nicht allein ist. Viele meiner Freundinnen sind selbst Zugezogene, aus Deutschland, der Schweiz, Polen. Und seit ich mich selbstständig gemacht habe, fiel es mir leichter, weil ich das Gefühl hatte: Ich weiß, was ich hier mache, und ich habe etwas zu sagen. Darüber hat sich noch mal eine ganz eigene Community aufgebaut.
Was würdest du Menschen mitgeben, die mit dem Auswandern liebäugeln?
Bei vielen ist der Grund die geopolitische Situation oder dass die Wirtschaft schlecht läuft. Glaubt mir, das ist hier nichts anderes. Was ich neulich in Deutschland in den Nachrichten gehört habe, ist genau dasselbe hier, in Australien und in anderen Ländern auch. Wenn das dein Grund ist, dann wisse, dass es überall so ist. Wenn du auswandern möchtest, sieh zu, dass du wenigstens ein paar Mal in dem Land warst, in verschiedenen Gegenden, dass du mit Leuten gesprochen hast, die schon ausgewandert sind, und dass du weißt, was auf dich zukommt. Wenn du Kinder hast, ist das noch mal ein Riesending, auch wenn die meistens viel besser damit umgehen als wir. Und: Die Probleme, die du zu Hause hast, gehen nicht unbedingt weg, nur weil du in einem anderen Land lebst. Sie sind anders. Manchmal verschwinden sie auch, weil andere Länder andere Seiten haben und du einen anderen Lebensstil hast. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. Oder wie man hier sagt: The grass isn't always greener on the other side – obwohl Neuseeland ziemlich grünes Gras hat. Es ist nicht immer so einfach, wie es aussieht: neue Systeme, neue Kultur, in den meisten Fällen eine neue Sprache. Aber ohne Scheiß, ich bereue es nicht.
Zum Schluss etwas Leichtes: Gibt es bei euch auch Polarlichter?
Die haben wir tatsächlich auch. Ich hatte dieses Jahr im Februar Freunde aus Deutschland hier, die waren unten auf der Südinsel und hatten überall violette Lichter. Wir haben sie hier auch, aber sie sehen ein bisschen anders aus als bei euch. Bei euch ist es eher grünlich, bläulich, hier ist es richtig violett.
Du denkst über Neuseeland nach?
Weitere Geschichten


