Daniela lebt seit einem halben Jahr mit ihrer Familie in Bern

Daniela · seit ziemlich genau einem halben Jahr · Bern, Schweiz

Für immer

Daniela ist mit ihrer Familie und der Hündin von Deutschland in die Schweiz gezogen. Heute lebt sie in Bern. Die Entscheidung haben sie und ihr Mann Christian gemeinsam mit ihrem Sohn getroffen, umgesetzt wurde sie zeitversetzt: Christian ging voraus, Daniela und der Sohn folgten später. Ein halbes Jahr nach dem Umzug beschreibt sie das Ankommen als etwas, das noch andauert.

Was hat den Ausschlag gegeben, Deutschland zu verlassen?

Am Ende war es eine Mischung aus Lebensqualität, neuen Möglichkeiten und dem Gefühl: Man darf sich im Leben auch mal etwas trauen. Dazu kamen politische und gesellschaftliche Gründe, finanzielle Überlegungen und die Lust auf etwas Neues.

Wie habt ihr den Umzug als Familie organisiert?

Wir haben die Auswanderung als Familie geplant und die wichtigen Entscheidungen gemeinsam getroffen. Trotzdem lief natürlich nicht alles gleichzeitig. Christian ist zunächst voraus in die Schweiz gegangen, während unser Sohn und ich in Deutschland noch Schule, Alltag, Abschied und Organisation parallel hatten. Wir haben deshalb immer wieder gemeinsam geschaut, was gerade als Nächstes dran ist und was jeder von uns braucht.

Was war die größte Herausforderung?

Bei all den Themen die richtige Reihenfolge zu finden. Gerade am Anfang möchte man am liebsten alles sofort klären: Wohnung, Schule, Versicherungen, Umzug, Verträge, Dokumente und vieles mehr. Wir mussten erst lernen, dass manches noch gar nicht entschieden werden kann und anderes viel später dran ist. Dazu kam der zeitversetzte Umzug – Christian war schon in der Schweiz, unser Sohn und ich haben in Deutschland noch den normalen Alltag und gleichzeitig die Auswanderung organisiert. Das war stellenweise ziemlich viel auf einmal. Am schwierigsten zu organisieren waren für uns die Wohnungssuche, die Steuern und die sozialen Kontakte.

Und was hat euch positiv überrascht?

Dass vieles am Ende weniger kompliziert war, als es vorher wirkte. Am Anfang sieht man gefühlt hundert Themen gleichzeitig. Sobald wir aber angefangen haben, Schritt für Schritt vorzugehen, wurde es viel überschaubarer. Schön war außerdem der Austausch mit anderen, die gerade in einer ähnlichen Situation waren. Zu merken, dass viele vor denselben Fragen stehen, hat den ganzen Prozess leichter gemacht.

Du sagst, die Reaktionen aus dem Umfeld hätten dich überrascht. Inwiefern?

Neben viel Unterstützung gab es auch deutlich kritischere Reaktionen, mit denen wir so nicht gerechnet hatten. Eine Aussage ist mir lange im Kopf geblieben: Bei einem Behördentermin fiel sinngemäß der Satz ‚Sie gehören also auch zu den Steuerflüchtlingen? Na, das habe ich gerne.‘ Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, und ich fand es in dem Moment ziemlich unangenehm. Solche Reaktionen können einen in einer ohnehin intensiven Phase verunsichern. Rückblickend würde ich mir davon weniger zu Herzen nehmen. Nicht jeder muss die eigene Entscheidung verstehen oder gutheißen.

Was würdest du heute anders machen?

Ich würde früher akzeptieren, dass man eine Auswanderung nicht komplett im Voraus planen kann. Und ich würde noch konsequenter priorisieren: Was muss jetzt wirklich erledigt werden, was kann warten, was lässt sich erst später entscheiden? Dieses Wissen hätte mir an manchen Stellen einiges an unnötigem Gedankenkarussell erspart.

Hättest du gern vorher gewusst, was auf euch zukommt?

Ganz ehrlich? Ich bin im Nachhinein sogar froh, einiges vorher nicht gewusst zu haben. Manche Dinge hätten mich vermutlich verunsichert oder vielleicht sogar davon abgehalten, diesen Schritt zu gehen. Und genauso geht es mir mit den schönen Dingen: die Natur um uns herum, die Ausflüge, die vielen kleinen Entdeckungen und diese ganz unspektakulären Momente, wenn ich zum Beispiel zwischendurch ein Mandelbärli esse und denke: Wie schön ist das eigentlich gerade? Ich bin froh, dass ich all das nicht schon vorher kannte – weder die schwierigen noch die schönen Seiten. So habe ich sie genau in dem Moment erlebt, in dem sie zu unserem neuen Leben dazugehören. Und erlebe sie teilweise heute noch.

Habt ihr die Entscheidung bereut?

Nein, bisher tatsächlich nicht. Natürlich gab es anstrengende oder ungewohnte Phasen, und nicht alles lief immer so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Aber die Entscheidung selbst haben wir bisher nicht bereut.

Welche Informationen haben euch bei der Vorbereitung gefehlt?

Uns haben weniger einzelne Informationen gefehlt als eine gute Einordnung: Was muss ich zu welchem Zeitpunkt wirklich wissen und erledigen, und was kann noch warten? Gerade am Anfang findet man unglaublich viele Informationen, aber oft fehlt der Zusammenhang und die Priorisierung. Hilfreich wären außerdem mehr Inhalte zu den Themen, die zwischen den klassischen Sachinformationen liegen: Wie trifft man als Familie eine solche Entscheidung? Wie geht man mit unterschiedlichen Erwartungen um? Was verändert sich während des Prozesses? Und was passiert eigentlich nach dem Umzug, wenn organisatorisch vieles erledigt ist, das Ankommen aber erst beginnt? Wir hätten uns auch eine klarere Orientierung gewünscht, welche Informationen wirklich aktuell und verlässlich sind und wo man im Zweifel die offizielle Quelle findet.

Was rätst du anderen, die vor demselben Schritt stehen?

Sich gut zu informieren, aber sich gleichzeitig nicht in all den Informationen zu verlieren. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht noch eine weitere Checkliste braucht, sondern sich selbst fragen muss: Will ich das wirklich, und passt dieser Schritt zu meinem Leben? Wenn die Antwort irgendwann Ja lautet, dann Schritt für Schritt weitergehen. Man muss nicht von Anfang an alles wissen und auch nicht jeden Zweifel beseitigen. Wichtig finde ich, die eigene Entscheidung nicht zu sehr von den Erwartungen oder Meinungen anderer abhängig zu machen. Am Ende muss sich der Weg für einen selbst richtig anfühlen.