Miles ist vor fünf Tagen nach Zürich gezogen – ohne Wohnung und ohne Job

Miles · seit fünf Tagen · Zürich, Schweiz

Miles stammt aus Glückstadt nördlich von Hamburg, wo auch seine Familie herkommt. Nach einer Kochausbildung in Hamburg arbeitete er dreieinhalb Jahre im Ausland, machte danach in Oldenburg eine Lehre zum Bankkaufmann und lebte zuletzt in Hannover. Ein Jahr hat er schon einmal in Grindelwald in der Schweiz gewohnt. Jetzt ist er mit Sack und Pack nach Zürich gezogen – ohne Wohnung, ohne Job, aber mit einer selbst gedruckten Karte, auf der seine Nummer steht.

Vom hohen Norden nach Zürich – wie kam es dazu?

Viel Bauchgefühl. Ich mag die Berge, und ich habe schon einmal ein Jahr in der Schweiz gewohnt, in Grindelwald. Irgendwann dachte ich mir: Ich will wieder in die Berge, und wenn nicht jetzt, wann dann? Zürich ist in der Theorie ja auch für die Bankenbranche bekannt, also suche ich hier einen Job. Und dann dachte ich: Machen wir mal.

Gab es außer den Bergen noch andere Gründe, Hannover zu verlassen?

Ja, es gab mehrere. Ich komme ursprünglich nicht aus Hannover, ich bin damals für meine Ex-Freundin dorthin gegangen. Meine Familie ist also nicht dort, es hat mich niemand gehalten. Ich habe in Hannover sehr gute Freunde kennengelernt, aber ich hätte nie gesagt, dass ich dort ewig bleiben muss. Hannover hat keine Berge, Hannover hat keine See. Es ist top angebunden, aber nichts, was mich wirklich hält. Und ich hatte noch mal Lust auf die große weite Welt.

Du bist ohne Job und ohne Wohnung losgefahren. Warum nicht den sicheren Weg?

Ich habe es tatsächlich probiert. Ich hatte in Deutschland schon gekündigt und die Wohnung aufgegeben, und parallel habe ich mich beworben. Aber es war schwerer als gedacht. Ich habe auch versucht, online eine Wohnung zu finden, über FlatFox und ähnliche Portale. Ich hatte zwei, drei Gespräche für Besichtigungen, aber wenn die 80 Anfragen haben und du besichtigst nur online, während sieben andere persönlich vorbeikommen, dann hast du schlechte Karten. Und weil ich so überzeugt davon war, hierherzukommen, dachte ich: Dann komme ich einfach vorher.

Wie waren die ersten Tage in Zürich?

Am Dienstag bin ich angekommen, ich bin über Nacht gefahren und war um 10.30 Uhr am Hauptbahnhof, mit Sack und Pack. Von dort bin ich erst mal zum Hostel gelaufen, das hatte ich für drei Nächte gebucht. Gestern war der vierte Tag, heute ist der fünfte.

Du hast dir Karten drucken lassen und Fremde angesprochen. Wie lief das ab?

Die Karte hatte ich mir noch in Deutschland vorbereitet, da steht meine Nummer drauf. Dann habe ich ChatGPT gefragt, wo in Zürich offene Leute sind, die ich ansprechen kann, damit ich nicht allein irgendwo sitze. Die Antwort war: Frau Gerolds Garten. Da bin ich drei Kilometer hingelaufen und habe bestimmt 30 Leute angesprochen, bin an jeden Tisch gegangen und habe erzählt, dass ich ein WG-Zimmer suche, dass ich es aus Deutschland schon probiert habe und es nicht geklappt hat. Und falls sie jemanden kennen, der jemanden kennt, würde ich mich mega freuen.

Und so bist du zu deiner jetzigen Unterkunft gekommen?

Genau. So bin ich an Lionel geraten, ein cooler Typ. Der meinte gleich: Eine dauerhafte Lösung habe ich nicht, aber zwei Wochen kannst du bei mir wohnen. Er nimmt öfter Couchsurfer auf. Ich konnte am nächsten Tag kommen und habe den Schlüssel bekommen.

Wie sieht die Suche nach etwas Längerfristigem aus?

Ich suche eine WG, denn Wohnungen sind unbezahlbar. Ich bin in Facebook-Gruppen unterwegs, auf Internetportalen, und ich spreche weiter Leute an, auch am nächsten Tag habe ich das gemacht. Auf meine Karte hat tatsächlich jemand geschrieben, und ich habe mir ein WG-Zimmer angesehen. Aber das sollte 1800 Franken kosten, also 2000 Euro. Das war mir für ein Zimmer dann doch ein bisschen zu viel.

Gab es in diesen ersten Tagen auch Rückschläge?

Rückschläge sind immer spannend und gehören zur Geschichte dazu, aber bis jetzt kann ich nichts Negatives erzählen. Ich habe nur coole Leute getroffen. In den ersten Nächten im Hostel waren da ein Schotte, ein Ire und eine Deutsche, die nach Norwegen ausgewandert ist und ihre Nationalhymne gesungen hat. Und hier habe ich schon wieder so coole Leute kennengelernt.

Was würdest du jemandem sagen, der über diesen Schritt nachdenkt, aber zögert?

Auf jeden Fall auf das Bauchgefühl hören und nicht alles überdenken. Das ist für mich das Wichtigste: Mach das, was sich richtig anfühlt, mach das, worauf du Lust hast. In meiner Situation war es natürlich einfach, ich habe keine Kinder, keine Frau, ich habe für niemanden außer für mich Verantwortung. Mit Familie oder mehreren Personen ist das noch mal was anderes. Aber auch dann: hör auf dein Bauchgefühl. Und wenn du jeden Tag alles gibst, dann wird das werden. Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es auch wieder heraus.

Foto: muffinn · CC BY 2.0